Deussen, Paul
Mein Leben — Leipzig, 1922

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Zuhörern eröfsnete. Mit der Studentenzahl stieg auch der Besuch
des Privatkollegs; in den Iahren 1909—11 waren es regelmätzig
über 200, worauf dann die Zahl wieder auf 150 zurückging, teils
weil zwei neue Privatdozenten eingetreten waren, teils, weil nach
langem Kampfe eine unphilosophische Partei es durchgeseht hat,
datz die Philosophie im Doktoreramen nicht mehr obligatorisch ist.

Der erste Winter in Kiel brachte, wie zu erwarten war,
Zahlreiche Einladungen, welche wir durch zwei grotze Gesell-
schaften erwiderten, zur großen Befriedigung meiner Frau, die
sich bei den. Arrangements sehr geschickt und sachkundig zeigte.
In Berlin waren wir in den Weihnachtsferien Gäste meines
Schwagers Franz und faßten zurückgekehrt den Plan, die
schönen, langen Osterferien zu einer Reise nach Palästina zu
oerwenden. Da heutzutage die Landessprache dort das Ara-
bische ist, so ging ich mit meiner Frau daran, mit allem

Eifer Arabisch zu lernen. Auf unsern täglichen Spazier-

gängen wurde, während ein schneidender Ostwind vom Hafen
herüberwehte, Tag für Tag das Vulgärarabisch nach dem

Büchlein von Wied eingeübt, und zu Hause las ich fleißig

in der arabischen Vibel solche Terte, deren Inhalt mir schon
bekannt war.

Am 6. März reisten wir von Kiel nach Berlin, am 7. nach
Prag und am 8. nach Wien, alles durch tiefen Schnee. Am 10.
früh fuhren wir, während immer noch spärliche Schneeflocken
Herunterkamen, von Wien nach Vudapest, und dann ging es den
ganzen Tag scharf nach Süden bis Semlin und über die Save
nach Belgrad. Die folgende Nacht fuhren wir in engen serbischen
Wagen durch ganz Serbien, ohne irgend etwas davon gesehen
Zu haben. Es soll ein schönes Land sein, aber niemand kennt es,
weil die Hauptzüge beide in der Nacht gehen. Am Morgen des
11. März langten wir in Nisch an; Hier war kein Schnee zu be-
merken, aber ein schneidender Nordwind wehte, und das Volk
am Bahnhof in seinen dünnen türkischen Pluderhosen fror der-
mahen, datz es einen selbst frieren konnte. Nun ging es in die
Türkei hinein, und der Empfang an der Grenzstation war drollig
genug. Ich hatte in bezug auf zollpflichtige Eegenstände ein Ee-
wissen von seltener Reinheit, öffnete meinen Koffer dem türkischen
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