Fliegende Blätter — 22.1855 (Nr. 505-528)

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Herrn Gras s Tagebuch während seines
Besuches in Berlin.

(Fortsetzung.)

Ein Haus unter „die Lindens" fiel mir gans besonders
auf, weil es so schön eingerichtet war. Ich fragte daher einen
Vorbeibasfirentcn und dieser sagte mir, daß dieses das Hohtell
j von den russischen Gesandten wäre. Dieses kam mir sondcr-
j bar vor, daß der russische Gesandte auch hier noch eine Gast-
wirt h schaft neben sein Geschäft etafilirt hätte und dachte ich
mir schon, daß am Ende das Gcsandtcngeschäst nicht mehr so
gut gehen wollte. Obgleich ich nun nicht etwa grade besonders
viel russische Simbadi habe, so hatte ich doch grade sehr großen
Hunger und gedachte also mit Kohlen hier bei Rußlands friih-
! zustücken. Wir klingelten also unten und da kam auch sogleich
Einer mit einen furchtbaren Barte, der kein Deutsches nicht
sprechen konnte und uns blos mit den Finger auf russisch noch
eine Treppe höher weisen that. Oben trafen wir wieder einen
Mann in Ziviel der uns auf ausländisch anreden that. Ich
sagte aber:

„Ach was da! papperlappapowitzkiwitsch, bringen Sie uns
I mal gleich was ordentliches zu esse», haben Sie keine Kothclets
; nicht?"

„Nir Koksleks hier!" sagte der Mensch.

„Na, wie ist es denn mit etwas Schweitzerkäse, aber
echten und ein GlaS Bunsch?!"

„Nir Schwcitzkäö, nir Bunsch!" sagte der Mensch wieder.

„Auch nicht," sagte ich, „na, dann geben Sie mir was
anders, was Sie grade haben, nur gut und viel. Wie ist' es
denn mit eine Bohrzion russische Schoten und Kafijahr und
einen rufischen Wutki?"

Da aber wurde der rusische Mensch ganö eeklich, nahm
einen großen Stock aus der Ecke und'schrie: Nir Kafijahr!
Nir Wutki! ?asoboll Naus! Kentski butski!

Dieses war mir aber auch noch nicht vorgekommen, daß

man in ein Hohtell so grob behandelt wurde, weshalb wir
uns auch zur Wehr setzten, ich nahm einen Stuhl und Kohle
nahm seinen großen Reisczirkcl und einen Pinsel mit Oelfarbe
und nun rickten wir mit vereinter Kräftigkeit den russischen
Menschen auf den Hals. Aber nun griff dieser an eine Klingel,
zog daran und in zwei Augcnblickchen waren mindestens zehn
Mann lauter Russen, Hausknechte, Kutscher und andere Mit- i
glieder aus der unanständigem Gesellschaft der feinern Kreise !
versammelt, welche erst mich und dann Kohlen nahmen und
mit Dampfgeschwindigkeit zweiunddreißig Trebbenstufm in eine
halbe Sekunde hinunterschmeisen thaten. Unten wollte der i

Bortigeh die Fortsetzung folgen lassen, aber wir dankten dafür
und gingen cichenhändig zur Hausthire hinaus. Auf die j
«Straße angckommen, beschwerte ich mich bei einen Vorüber- !
gehenden, daß man in dieses mssische Hohtell nicht einmal !
Schweizerkäsc und Bunsch hätte haben können, aber dieser Herr
lachte und erklärte mir, daß die Gesandtcnwohnungen blos
deshalb Hohtclls genannt würden, weil man müßte das Baß-
fisa so theuer bezahlen, wie in großen Gasthöscn ein Nacht-
lager. Lebensmittel und Gettänke werden jedoch darin keine
nicht verabreicht. Nun dieses braucht einen Menschen nur
ordentlich gesagt zu werden, damit daß man sich danach richten

Eine sehr kostbare Seltenheit an dieses russische Gesandten-
hohtell welches ich mir nun genau besah, als man uns doch .
so frcindlich hinausgetransbitirt hatte, also diese Seltenheit
sind die großen Glasscheiben, wo jedes Fenster gar keinen ■
Rahmen nicht hat, sondern nur eine große einzige Spiegel-
scheibe ist und beinahe an die tausend Thaler kostet. Man
bemerkt aus diesen Umstand, daß die Russen in den Hohtell
wahrscheinlich recht genau sehen wollen, was in Ber-
lin vorgeht.
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