Fliegende Blätter — 22.1855 (Nr. 505-528)

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Der Herzog koi

(Fortsetzung.)

Noch an demselben Abende fing er auf seiner Schlaf-
stube an zu memoriren, daß Petronia, seine Gattin, kaum
einschlafen konnte; er hielt bis Mitternacht aus dabei, aber
brachte es in dieser ganzen Zeit doch nur bis zum vierten
Satze; und obgleich er die Vorficht anwandtc, das Concept
seiner Anrede fich Nachts unter das Kopfkissen zu legen, was
er in seiner Jugend immer, freilich ohne Erfolg, gethan, wenn
er etwas auswendig zu lernen hatte, so fand fich's doch am
andern Morgen, daß er Alles bis auf die Anfangsworte:
„Allerdurchlauchtigster Landesherr" vergessen und verschwitzt
hatte, also wieder von neuem beginnen mußte. Den ganzen
zweiten Tag ging er nicht von der Arbeit; Mittags war er
so confus, daß er seine Petrone mit Durchlaucht anredete.
Es war aber auch gar kein Wunder, daß der arme Mann
confus wurde, denn sein Matcrialladcn war der frequenteste
in der ganzen Stadt, das Klingeln der Hausthürglocke und
das Geschnatter im Laden hörte den ganzen Vormittag nicht
2 Minuten auf. Wer kann dabei memoriren? Er beschloß
daher, seine Wohnstube, die dicht an dem Laden lag, wegen
unaufhörlicher Störung zu verlassen und die einsame Dach-
kammer aufzusuchen. Fast in diesem Augenblicke, als er fich
überfiedeln wollte, führte ihm seine Frau das Fickchcn Eichholz
in die Stube.

„Lieber Schatz, hör' einmal", sprach fie, „hier ist Fiekchen
Eichholz, Deine Pathe, um Dich zu sprechen."

„Und wcnn's ein Engel vom Himmel wäre," rief er
ungeduldig und kurzangebunden, „ich bin jetzt durchaus nicht
in der Laune, gesprochen zu werden! Du weißt ja, welch' eine
Last auf mir ruht und daß ich meine Sinne und Gedanken
zusammenhalten muß. Vier enggeschriebene Seiten find wahr-
haftig nicht gleich in den Kopf hincingcschoben, wie man einen
Pudding in die Bratröhre schiebt."

Das Fiekchen war nicht wenig verdutzt, eine solche Sprache
von ihrem Herrn Pathen zu hören. So kannte fie ihn noch
gar nicht; er war bisher immer die Güte und Freundlichkeit
selbst gewesen. Schon wollte fie fich unter Entschuldigungen,
eine so ungelegene Zeit getroffen und den Herrn Pathen ge-
stört zu haben, gekränkt und betroffen zurückziehcn, da fiegte
doch noch Herrn Buchholzens angcborne Gutmüthigkcit und er
sagte, ihr die Hand schüttelnd: „Na, was willst Du denn

eigentlich, Du kleines Misemätz?"

Fiekchen hatte unter andern Gaben von der Natur eine
gute Portion Verstand und eine ziemlich fertige Zunge bekom-
men. Ohne lange Umschweife schilderte fie daher die Noth
ihres Bruders, den Jammer und die Sorge ihrer Mutter und
ihre Abficht, des Herrn Pathen Hilfe in Anspruch zu nehmen
und fich guten Rath zu holen, von wem man wohl ein neues
Darlehen auf ihr Häuschen .bekomme.

„Neues Darlehen?" rief Herr Buchholz, nachdem Fiekchen
geendet, „das ist nichts, Mädchen! Ihr könnt doch unmöglich
Alles weggebcn, um den Jungen studieren zu lassen. Das
geht nich, durchaus nich! Hm! hm! hm!" ging er nachdcnkend
im Zimmer umher, „hm! hm! ich habe einen andern Plan,
der vielleicht zum Ziel führen wird. Du weißt doch, daß der
Herzog kommt?"

„Ei gewiß, weiß ich das!" rief bas Mädchen mit flam-
mendem Auge, „die ganze Stadt ist ja voll davon!"

„Nun weißt Du was, Du Blitzmädchen," sprach er ver-
gnügt, „setze eine Bittschrift an den Herzog auf, Du schreibst
ja wie ein Sekertär, und stelle Dich damit nicht weit von
mir, wenn ich die Durchlaucht anrede. Ich muß nämlich eine
große, vier Seiten lange Rede halten, denk' Dir das!. und
wenn ich dann fertig bin, ich wollte es wäre erst so weit, so
ttittst Du vor und überreichst Deine Dupplike; dann wird ge-
wiß der Herzog sagen: „Lieber Herr Buchholz, Sie alter

Freund und Gönner, kennen Sie das Mädchen und wissen Sie
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