Fliegende Blätter — 22.1855 (Nr. 505-528)

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Der Hirschdegen.

„Nu streich mer noch durch Löbchen, das Wörtchen „Gras".
So! Nu schreib, waö ich der will diktire:

Aß der Herr Waffenhändlcr Nathan grausam schöne Hersch-
däches hat, allwelche den höflichen Leutches sehr kostbar zur
Seit' stehen, un aß der bestellte Herschdäche annoch dem Jud'
Nathan gehören thut, nn aß der Graf SB— kein Herschdäche
von ihm kriege wird, darob stellt dem Grafen e Scheinche aus
der Jud' Nathan in Männhem.

So, Löbchen ! Zetzt bist de fertig. Hast de nicht de Wunder
was rajohmt, Löbchen? Hast de emol nit bckogcmt dei Herrn?
Ich will der sage, was das war, Löbchen: Das heißt, Eine»
kratze, wo's ihm juckt."

Und der Graf? Als er die Antwort bekam, ward er
fuchswild und man kann gar nicht sagen, ob sein Erstaunen
größer war, als sein Zorn. Der niederträchtige hebräische Hund!
Wenn er ihn da gehabt hätte, mit Hunden wollt' er ihn zer-
reißen ! Aber die Stadt des Juden lag, leider Gott, über dem
Rhein drüben, wo des Fürsten Herrschaft ein Ende hatte und
der Herr Gras konnte nur die Faust hinüberballen und mußte
sich anderswo nach einem Hirschdcgen umschen. Ob er sich
auch nach andern Manieren umgcschcn hat, können wir nicht
für gewiß melden.

Herrn Graf's Tagebuch während seines
Besuches in Berlin.

(Fortsetzung.)

Wenn man nun schon längst glaubt, daß gar nichts
schöneres mehr kommen können thäte, so führen sie Einen in
; die Schloßkabelle, wo nun aber wirklich alles aufhört. Denn
i diese Pracht glaubt gar Niemand nicht und da kann Einer
mit ein noch einmal so trauriges Herze hineinkommen, aber da
muß er wieder heiter verstimmt werden, denn eS ist dadrinn
alles so schön und buntfarbigt, daß Einen das Herze im Leibe
lacht. Da kann man nicht mit den kleinen Finger hintibsen,
wo cs nicht gemalt wäre und alles mit die schönsten bunten
! Farben auf goldpabirgrund, wie die Umschläge von die Abe-
: zehbicher. Der Pfitzckönig und die Aegiebdichcr hat ein baar
Allepastor-Seilen dazu gegeben und auf den Altar steht rin
Kreiz aus lauter Diamandcn wovon der kleinste so groß ist
wie ein kleiner Kindcrkobf. Wenn aber da will Einer nicht
j from sein, da weiß ich nicht, woran daß dieses kcgt.

Auch in das Schloß befindet sich noch die sogenannte
I Kunstkümmer, woselbst Alles üufgeheift ist, was man nur
indrehsand nennen kann. Die ersten Zimmer sind mit Töbfer-
und Elfenbeinschnitzerkunft angefillt, dann kommt der Bernstein,
den sie ftiher noch nicht zu Feifcnköbfen und Ziehgarrenspitzen
verwendeten, sondern andre kleine Gegenstände wie Stihle,
Kohmoden, Tische und Schränke daraus machen thatrn. Aber
j das Beste kommt wie gewöhnlich erst gans zuletzt und hinten.
! Dieses besteht nämlich aus die historichten Sammlungen, wobei
' vieles ist, welches kein Mensch nicht glaubt.

Herrn Graf's Tagebuch re. 91

Da haben zum Beisbicl bei die Belagerung von Magde-
burg, welches aber schon an tausend Jahre her sein soll, ein mag-
debürgerlichtcr und ein feindlicher Kanonikus aus ihre Gcschitze
auf einander bei sechs oder achttausend Schritt Endfernung ge-
zielt und geschossen und sie wären beide des Todes gewesen,
wenn nicht mitten unterwegs die beiden Kanonenkugeln an-
einander gekrallt worden gewesen wären, so daß sie sind oben
in die Luft stehen geblieben. Wie dieses die beiden Kanoni-
kusser gesehen haben, da haben sie gesehen, was sie vor einen
findlichen Lcbcnswandlung geführt haben, dann sind sie sich
»ersehnt um die Hälse gefallen, haben mit eine Leiter die Ka-
nonenkugel aus die Lust losgemacht und nach Berlin in diese
Srltenheitssammlung getragen, welches doch gewiß noch nicht
dagewesen ist.

Der russische Kaiser Peter der Große hatte in seine Ju-
gend und Amsterdam« Zimmergeselle studirt und in seine Fcier-
abendstunden höchsteichenmächtig eine vollständigte Windmühle
gebaut, welche er dann auch nach Berlin in diese Sammlung
geschenkt. Was dieser Kaiser Peter für ein gebildeter Mann
gewesen ist, dieses sieht man auch wiederum hierdaraus, denn
eine Wassermühle nitzt in Berlin nichts nicht, während daß
hingegen eine gehörigte Windmühle hier gans an ihren
Blatz ist.

Bon Friedrich den Großen, welchen man in seine Jugend-
zeit immer den alten Fritze nannte, befinden sich auch eine
Menge Relikwichen hier, z. B. die Flöte, wonach sie haben
immer tanzen müssen, wenn er geblasen hat, einen von sich
selbst mit Siegelack ausverbesserten Degenknobf, mehrere Sbazicr-
stöcke, sein letztes Schnudstuch so wie seinen Herren Pater seine
gnädigsten Tawaksfeifen, welches ein sehr starker Raucher ge-
wesen ist und ein Tawakskohlegium gebildet hat.

Nabolijohn hat auch mehrere Beiträge geliefert, wie z. B.
einen alten Hut und seine gänslichten Ordcnssterne und Krcizc
welches ihm gewiß zu schwer zu trage» gewesen ist, was ihm
auch niemand nicht verdenken kann. Aber mit diesen Hut und
den großen Kurfirsten von Preißen seine Kobfbedeckung ist doch
ein gewaltiger Unterschied, denn diese letztere ist von gans dicken
Eiscnbläch und wiegt vielleicht einen Piertelzehntner, was frei-
lich etwas schwerfälliger gewesen ist als wie ein Filzhut.

In die übrigen Zimmer sind lauter wilde Gegenstände
aus die fidlichen Völkerschaften, welche aber auch für den Men-
schmftcind höchst bildungsreich anzusehen sind. Es gibt da die
verschiedenen Kostihmc aus Asien und Aftika, wo oft der gansc
Anzug nur aus einen Ohrring und einen Spazierstock besteht,
welches sehr bequem sein muß. Auch war da ein jabaneser-
liches Stciereinnehmermittcl zu sehen, welches aus einen dicken
Bambusstock besteht, womit die Einwohner so lange Hiebe be-
kommen, bis sie die fteiwilligen Steuern bezahlen.

Wenn man aber dieses wollte Alles beschreiben, so brauchte
man gar niemals nicht wirser aufzuhörcn, welches doch ein
bischen langweilig werden müssen würde.

(Fortsetzung folgt.)

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