Fliegende Blätter — 57.1872 (Nr. 1407-1432)

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Die Blatternimpfung.

Erzählung von?r. Eerlkäcker.
(Fortsetzung.)

Seine angeborene Gutmüthigkcit verhinderte ihn aber auch,
sich der übernommenen Verpflichtung ;u entziehen; er durfte
seine ffeine Frau Erich nicht wie ein ungetreuer Cavalier im
Stich lassen und cs hieß fetzt anshalten. Eins auch beruhigte
chn dabei; das Mädchen mit dem Kind bekam, als sie ein-
A'aten, eine Marke, um die Reihenfolge zu sichern, übergangen
konnten sie also nicht werden, und Alles nimmt ja auf der
Welt einmal ein Ende, warum nicht auch eine Impfung.

Ta Frau Erich übrigens, sowie sie in den Saal trat
k^ie Impfung selber fand in einem Nebenzimmer statt), eine
Bekannte traf, so knüpfte sie mit dieser augenblicklich ein Ge-
fach an und Forbach bekam dadurch Zeit, sich seine, imnier-
Vn interessante, wenn auch etwas sehr laute Umgebung zu be-
dachten. Die Hälfte der Kinder schrie nämlich und die Mädchen,
Ulu >>e zu beruhigen, machten dabei noch weit mehr Lärm als
kleinen Störenfriede selber. In dem sehr hohen und ge-
räumigen Saal schwamm aber doch dieses milde Conccrt zu
einem so massenhaften Gewirr von Tönen zusammen, daß man
nur selten einmal die Stimme eines urkrästigen jungen Staats-
bürgers einzeln daraus hervorgellen hörte, und die Ohren bald
vollkommen dagegen abgestumpft wurden.

Interessanter waren für Forbach die Damen selber, die
skch in diesem Chaos von Gebrüll mit einander unterhielten,
nls ob sie sämmtlich taub wären, und nun einander in die
Shren schreien müßten.

Die Rieke der jungen Frau Erich machte allerdings den
unausgesetzten, aber hier völlig verzweifelten Versuch, ihr Kind
Schlaf zu bringen, und Elise Erich theiltc anfangs ihre
Aufmerksamkeit noch zwischen der Freundin und dem „.Wonne-
tinb", das sich hier entschieden für berechtigt hielt, seine

Stimme ebenfalls mit abzugeben. Es half auch Nichts: Der
Paroxismus mußte erst vorüber gehen, und ging auch, sobald
die Kinder selber anfingen, ihren eigenen Heidenlärm zu hören,
und dann, wie erstaunt darüber schwiegen.

Forbach fand hier übrigens sehr gemischte Gesellschaft. j
In der allgemeinen Calamität, welche die Stadt durch die
Epidemie heimsuchte, war Alles herbeigeeilt, um den Schutz ;
der Impfung zu suchen — vornehme Damen und arme Frauen
mit ihren Kindern, und der Stadtphysikus durste schon gar
keinen Unterschied machen, oder irgend wen begünstigen, denn
die Bürgerschaft selber hätte da augenblicklich Lärm geschlagen.
Wie die Leute cintrafen, so wurden sie abgefertigt, und eine
bunter gemischte Gesellschaft ließ sich deßhalb kaum denken, als .
sie dort ans den Bänken saß, oder sich auf- und abgehend,
dazwischen herum trieb.

Da war die Frau Regierungsrüthin Blaumeier, verwittwete
Mütze und die bescheiden auf der äußersten Bank sitzende Frau
Vice-Aktuar Schreiber, die Frau Hauptmann von Bernstein
und die Frau Sergeant Puster, arme Wäscherinnen und u.age-
löhncrinnen neben der reichen Banquiers-Frau Meier, und
Alles mußte geduldig der Minute harren, in welcher sie der
innig herbei gesehnte Ruf ihrer Nummer in das Nebenzimmer
forderte, und dadurch ihrem ewigen Warten ein Ende machte.

Das allein beruhigte Forbach, daß der Stadtphysikus
mit einer wirklich fabelhaften Schnelligkeit arbeitete. Es befanden
sich stets drei Parteien in seinem Zimmer, von denen die eine
geimpft wurde, während sich die anderen dazu vorbereiteten,
oder nach der Impfung die Kleider wieder ordneten. Ex ließ
sich auch dabei nicht stören, ging auf keine Fragen der darin
sonst unersättlichen Mütter ein, und trieb das Gänze allerdings
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