Polska Akademia Umieje̜tności <Krakau> / Komisja Historii Sztuki [Editor]; Polska Akademia Nauk <Warschau> / Oddział <Krakau> / Komisja Teorii i Historii Sztuki [Editor]
Folia Historiae Artium — NS: 11.2007(2008)

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„Verwandlung” (griech. metamorphosis) verweist auf
die Episode der Verkldrung oder — nach dem Wortlaut
der Vulgata — „Transfiguration“ Christi14.

Im ersten Brief an die Thessaloniker greift Paulus
den Gedanken wieder auf. Doch statt von Verwand-
lung ist nun von einer Entruckung die Rede: „Zuerst
werden die in Christus Verstorbenen auferstehen,
dann werden die Lebenden, die noch iibrig sind,
zugleich mit ihnen auf den Wolken in die Luft ent-
riickt, dem Herrn entgegen”15.

Paulus halt sich an das Modeli der Himmelfahrt
Christi. Um die Vorstellung vom Himmelsflug
zu erleichtern, stellt er Fahrzeuge bereit, namlich
„Wolken”, auf denen die Menschen dem Herrn
entgegen reisen. Lassen sich damit aber, wie in der
neueren Michelangelo-Literatur vorgeschlagen, die
Bewegungen und Handlungen in Michelangelos
Gerichtsbild erklaren?

Statt der erwarteten Leichtigkeit des Fluges,
bemerken wir links im Bild, also auf der traditio-
nellen Seite der Erretteten, Miihsal und Gefahrdung
des Aufstiegs. Einige sind dabei, die Wolken wie
Klippen einer Felswand zu erklimmen. Andere
yerhalten sich wie entkraftete Schwimmer oder gar
Ertrinkende, die nach rettenden Handen greifen.
Wenige immerhin schweben traumhaft miihelos
empor, aber dies paBt wiederum nicht zu Paulus’
passiver Himmelsreise.

Werfen wir einen Blick in die Typengeschichte
des Himmelfahrtsbildes16. Seine friihesten Realisie-
rungen folgen wesentlich zwei Mustern.

Erstens: Christus wird in einer von Engeln gehal-
tenen Mandorla emporgehoben. In der unteren Zonę
sind die Apostel und Maria versammelt. So in dem
auf das Jahr 586 datierten syrisch-palastinensischen
Rabbula-Kodex, der in der Florentiner Bibliotheca
Medicea Laurentiana aufbewahrt wird17.

14 Beim Evangelisten Markus heibt es: „[Christus] wurde
vor ihren Augen [den Augen der Apostel] verwandelt“ (Mar-
kus 9,2—10), daher die traditionelle ikonographische Bezeich-
nung He Metamorphosis in der Ostkirche.

15 Thess. 4,16—17: „simul rapiemur cum illis in nubibus
obviam Domino in aere”.

16 Zu den nachfolgenden Beispielen vgl. H. Schra-
de, Zur Ikonographie der Himmelfahrt Christi [in:] J. Geffcken
(Hrsg.), U ber die Vorstellungen von der Himmelsreise der Seele. Vor-
trage der Bibliothek Warburg 1928—29, Leipzig—Berlin 1930, S.
66—190. Schrade, S. 136, kennt nur eine einzige Darstellung
(in Spatantike und Fruhmittelalter), in der „dem Gottessohn
auch die eigene Machtigkeit zur Himmelfahrt gegeben” sei,
eine kleines Elfenbein in Liverpool (Goldschmidt, Elfenbeine
I 127), bei dem mir jedoch unischer scheint, daB der piane

Zweitens: Christus schreitet den Berg hinauf
der Wolke entgegen, aus der sich ihm die Hand
des Yaters entgegenstreckt, ihn aufzunehmen. In
der unteren Zonę das Grab Christi, der Engel und
die drei Marien am leeren Grab. So auf der um 400
entstandenen sogenannten Reiderschen Elfenbeinta-
fel im Bayerischen Nationalmuseum in Munchen18.
Die weitere Entwicklung kennt Kombinationen der
Merkmale beider Typen.

Nicht nur bildlich, auch grammatisch im Wort-
laut der Eyangelien ist die Himmelfahrt und Auf-
nahme in den Himmel, was Christus betrifft, ein pas-
siver Vorgang. Bei Markus: „adsumptus est in caelum
et sedit a dexteris Dei”. Bei Lukas: „et ferebatur in
caelum”. Schon in der Sprache besteht eine bemer-
kenswerte Ubereinstimmung mit gleichermaBen bi-
blischen und hellenistischen Vorstellungen. Auch die
nichtchristliche Antike stellte sich die Himmelsreise
kaum anders vor, ais daB sie einzig mit Hilfe von
Flugeln, gefliigelten Wesen oder flugfahigen Fahr-
zeugen yonstatten gehen konne. So in dem Relief an
der Basis der Saule (161 n. Chr.) des Antoninus Pius,
gefunden auf dem einstigen Marsfeld in Rom, das
wohl die Apotheose des Kaisers und seiner Gattin
Faustina darstellt19. Auf dem Riicken des gefliigelten
Aion werden sie in den Gótterhimmel erhoben. Die
Personifikation der Roma und der FluBgott Tiber
sind Zeugen des Vorgangs.

Die Kirchenvater yerbinden die Himmelfahrt
Christi typologisch mit der alttestamentarischen Ent-
ńickung des Propheten Elias auf dem Eeuenuagen. Zwei
Reliefs der um 430 gefertigten Holztiiren in S. Sabi-
na in Rom zeigen eine dem typologischen Verfahren
entsprechende Angleichung der Darstellungsweise.
Wir bemerken zweizonige Vertikalkompositionen.
In dem einen Relief fahrt Elias auf seinem Wagen
zum Himmel und hinterlaBt seinem Jiinger Elisaus

Reliefgrund, vor dem die Figur Christi zum Himmel schreitet,
tatsachlich ais „leerer Raum” (so Schrade) und ihre Bewegung
also ais Fliegen oder Aufschweben gemeint sein sollte.

17 Himmelfahrt Christi, Florenz, Bibl. Medicea-Faurentia-
na, Cod. Plut. 1,56, fol 13v; vgl. C. Ceccheli, G. Furlani,
M. Sal mi, The Rabbula Gospels, Olten 1959- Facsimile edition
of the miniatures of the Syriac manuscript Plut. 1,56 in the
Medicean-Faurentian Fibrary.

18 Elfenbein, Munchen, Bayerisches Nationalmuseum;
abgebildet bei Ch. Stiegemann, M. Wemhoff (Hrsg.), 799 —
Kunst und Kultur der Karolingerzeit. Karl der Grofie und Papst Leo
III. in Paderborn, 3 Bde., Mainz 1999, Bd. 2, S. 689-

19 Ygl. B. Andreae, Die romische Kunst, Darmstadt 2000,
S. 216 u. Abb. 111; siehe auch P. Zanker, Die Apotheose der
romischen Kaiser. Ritual und stadtische Buhne, Munchen 2004.

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