Münsterbau-Verein <Freiburg, Breisgau> [Editor]
Freiburger Münsterblätter: Halbjahrsschrift für die Geschichte und Kunst des Freiburger Münsters — 2.1906

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Kleine Mitteilungen und Anzeigen.

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Die „Hosanna" des Freiburger Münsters als älteste Angelus-Glocke.

Von

Dr. Engelbert Krebs.



ie schöne Sitte des täglich dreimaligen Ave-
läutens ist in den letzten Jahren häufig
Gegenstand historischer Untersuchungen
wB^KLäT. gewesen. Der Engländer P. H. Thursion, der
sich neben seinem Landsmann A. G. Little
und den deutschen Gelehrten P. Th. Esser und P. C. A.
Kneller besonders um diese Forschungen verdient ge-
macht hat, hat vor zwei Jahren auch auf die Bedeutung
unserer Hosanna im Freiburger Münster für die Frage
nach dem Alter des Aveläutens aufmerksam gemacht.
Da sich danach unsere ehrwürdige Glocke vielleicht als
der älteste Zeuge desselben zu erkennen gibt, mögen
hier seine Argumentationen wiedergegeben werden, doch
wird eine kurze Orientierung über die Geschichte des
Aveläutens selbst zur Erläuterung vorausgeschickt wer-
den dürfen \

Der Gruß an die Gottesmutter am Schlüsse des
kirchlichen Stundengebetes ist im 13. Jahrhundert beim
Welt- und Ordensklerus Brauch geworden. Seit 1218
fügen die Zisterzienser eine marianische Schlussantiphon,
das Salve Regina, der Prim an, d. h. dem Stundengebet
unmittelbar nach Sonnenaufgang. Zwischen 1222 und
1230 führte der Dominikanerorden, zuerst in Bologna,
um 1230 aber schon fast in allen Häusern das Absingen
des Salve nach dem Komplet, dem kirchlichen Abend- oder
besser Nachtgebet, ein. In den römischen Säkularkirchen
wurde im Jahre 1239 durch eine Verordnung Papst Gre-
gors IX., der den Dominikanern besonders nahe stand, das
Einhalten dieser frommen Übung für alle Freitag-Abende
angeordnet; 1249 nahmen auch die Franziskaner sie in
ihr Chorgebet auf und um 1250 findet sie Eingang in die
Königliche Kapelle in Paris. Von da an verbreitete sie
sich rasch durch die Säkularkirchen Frankreichs.

Nun verordnete 1263 das Generalkapitel der Franzis-
kaner zu Pisa, dass in Zukunft alle Franziskaner „bei
dem Komplet, wenn die Glocke läutet, die hl. Maria
einige Male grüßen sollten". Wenn auch hier noch nicht
von einer Aveglocke die Rede ist und man zunächst an
die eben erst eingeführte marianische Schlussantiphon
denken möchte, so gibt immerhin die Erwähnung der
Glocke und der Ausdruck „einigemale grüßen" (aliquibus
vicibus salutarent) zu denken. Es ist hier nicht von der
einfachen Schlussantiphon, sondern von einem mehrfach
wiederholten Grußgebet die Rede. Im Jahre 1295 findet
sich nun ebenfalls bei den Franziskanern die erste deut-

1 Vgl. zum Folgenden Kneller, Zur Geschichte des Gebets-
läutens in der Innsbrucker Zeitschrift für katholische Theologie
1904 S. 394 ff., wo alle weitere Literatur verzeichnet ist. Nur be-
züglich der vorausgeschickten Notizen über die Vorbereitung des
Avegrußes durch das abendliche Salve verweise ich auf meine
Notizen in den „Freiburger Münsterblättern'1 I 1905 S. 28 und
Tübinger Theologische Quartalschrift 1906 S. 74ff. Die ein-
schlägigen Arbeiten des P. Thurston sind in der Londoner Zeit-
schrift „The Month" 1901, 1902 und 1904 erschienen.

liehe Anordnung für das Aveläuten, indem das Provinzial-
kapitel von Padua „das dreimalige abendliche Anschlagen
der Glocke zu Ehren der glorreichen Jungfrau" und das
„knieende Rezitieren von drei Ave Maria gratia plena"
vorschreibt. Der Franziskanerorden war weitverbreitet
und die einzelnen Häuser standen in lebhaftem Konnex,
weil die Stabilitas loci der Benediktiner den Bettelorden
ausdrücklich nicht anhaftet. Durch das abendliche Salve
war der Sitte beim Weltklerus vorgearbeitet. So kann
es uns nicht wundern, dass wir schon 1307 in Ungarn,
1308 in Spanien ausdrückliche Aveglockenzeichen des
Abends und 1317 in Italien auch des Morgens in Säkular-
kirchen bezeugt finden. Mit dem Jahre 1318 beginnen
die päpstlichen Ablassverleihungen für das Gebet beim
Abendläuten. Seit 1460 haben wir auch Zeugnisse für
das Mittagsläuten als dritten Mariengruß, einen Brauch,
der seit 1542 durch das Türkenglockenläuten um 12 Uhr
in seiner Verbreitung wesentlich gefördert wurde.

Somit gehen die ältesten schriftlichen Zeugnisse für
das Aveläuten am Abend ins beginnende 14. und in die
zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts, die für das Morgen-
läuten in das beginnende 14., für das Mittagsläuten in
das 15. Jahrhundert zurück.

P. Thurston macht nun auf die Glockeninschriften als
bisher unbeachtete Quellen für den Nachweis dieses
Brauches aufmerksam. Wenn eine Glockeninschrift des
13. Jahrhunderts in Essen besagt: Dum sono, signo
Christum de ligno clamantem — wenn ich töne, be-
zeichne ich den Ruf Christi vom Kreuze, so ist wohl
unzweideutig damit gesagt, dass dies eine „Angstglocke"
war, die am Freitag nachmittag um 3 Uhr den Tod des
Herrn verkündete. Nicht so ausdrücklich, aber ebenso
unzweifelhaft ist dann aber auch eine vom Jahre 1451
datierte Glocke in Veringendorf als derselben Gattung
angehörend bezeichnet, da sie die Inschrift trägt: Heli
Heli Lema Sabathoni Deus meus Deus meus quia
dereliquisti me — mein Gott, mein Gott, warum hast
du mich verlassen. Die Folgerung ist nun klar. Finden
sich Glocken mit einer an den Engelgruß erinnernden
Inschrift, so darf man wie hier auf den Brauch des
„Angstläutens" so dort auf den des Aveläutens schließen.

Solche Glocken weist Thurston nach. Eine Brier-
felder Glocke trägt die Inschrift: „Ave Maria gratia
plena; veni cum pace -- Gruß dir Maria, gnadenvolle;
komm mit dem Frieden." Eine Glocke zu Nieder-
Mörmter aus dem Anfang des 14. Jahrhunderts sagt:
Maria vocor, o rex gloriae veni cum pace — Ich heiße
Maria, o König der Glorie komm mit dem Frieden.
Eine Glocke zu Stötterlingenburg bei Halberstadt trägt
den Spruch: Anno domini 1294 in die Jakobi apostoli. Ave
Maria Amen. O rex gloriae veni cum pace — Apostel
Jakobitag 1294. Gruß dir Maria Amen. O König der
Glorie komm mit dem Frieden.

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