Münsterbau-Verein <Freiburg, Breisgau> [Editor]
Freiburger Münsterblätter: Halbjahrsschrift für die Geschichte und Kunst des Freiburger Münsters — 2.1906

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Kleine Mitteilungen und Anzeigen

Der neueste Münsterführer.

Von

Professor Dr. Fritz Baumgarten.

wei bewährte Kenner unserer Münster-
kirche, Friedrich Kempf und Karl Schuster,
haben sich zusammengetan, um für das
vor 30 Jahren erschienene, seinerzeit vor-
treffliche, aber jetzt doch in vieler Hin-
sicht veraltete Münsterbüchlein von J. Marmon Ersatz
zu schaffen1. An Vollständigkeit steht das neue Werk
jenem alten nicht nach. Man findet über jede Einzel-
heit, auch die modernste, in dem Buche Aufschluss,
sachlich und knapp. Nur selten lassen sich die Ver-
fasser zu bewunderndem Entzücken verleiten, das ein
Führer ja richtiger dem Geführten überlässt. Buch-
schmuck und Illustrierung genügen selbst verwöhnten
Ansprüchen. Nur hat leider die Rücksicht auf die Ab-
bildungen das widerwärtige Glanzpapier wählen lassen,
das eine Lektüre bei Licht fast unmöglich macht, auf
das man sich keine Notizen schreiben kann, das für einen
vielgebrauchten Führer vor allem viel zu empfindlich ist.
Die zweifellos sehr schönen, aber vielleicht bei einem
Führer entbehrlichen Abbildungen haben auch den Preis
des Buches unerfreulich verteuert: hätte man auf die Ab-
bildungen ganz oder doch in der Hauptsache verzichtet, so
wäre bei entsprechend herabgesetztem Preis allen denen,
für die es geschrieben ist, die Anschaffung des Werkes
leichter geworden. Dass die Architektur den Verfassern
am nächsten steht, ist wohl zu merken: die baugeschicht-
lichen und bautechnischen Abschnitte sind zweifellos die
besten. Vortrefflich ist z. B. die Rekonstruktion des
romanischen Chors und der Vierung gelungen: nur stört
auf Abb. 5 die kleine Nebenskizze links. Eine sehr
glückliche Beobachtung ist die, dass der Porträtkopf des
mutmaßlichen Turmerbauers unter der Achtecksgalerie
auch als Konsolfigur unter dem dritten nördlichen Strebe-
bogen des Langhauses sich befindet, ein Beweis mehr
dafür, dass der Meister des Turmes und der westlichen
Langhausjoche der gleiche gewesen sein dürfte. Nicht
beipflichten kann ich den Verfassern, wenn sie immer
noch an einer symbolisch-lehrhaften Deutung der winzigen
Skulpturen des Niklauspförtchens festhalten: hier han-
delt es sich meines Erachtens doch nur um ein figurales
Zierband, wobei die Figuren nicht viel mehr sind als
irgend welches Tier- oder Pflanzenornament. Keine
Verbesserung scheint es mir, wenn der Versucher in
der Turmhalle, den man sich gewöhnt hat „Fürst der
Welt" zu benennen, in unserem Führer als „sinnlicher
Weltmensch" bezeichnet wird. Auch reicht er seine
Rose mit nichten der Voluptas, sondern einer der Jung-
frauen hin. Und warum ist bei der Jesse-Figur nicht
bemerkt, dass das Laubwerk des Tympanons als wirk-
liche Wurzel Jesse aus den Rippen des Patriarchen
hervorsprießt? Auf Seite 45 erfährt man nicht, für
welche „erschlagenen Bürger" das sogenannte „Becken-
licht" gestiftet worden ist. Dass die Wasserspeier zum

1 Das Freiburger Münster. Ein Führer für Einheimische
und Fremde von F. Kempf und K. Schuster. Freiburg bei
Herder 1906. 8". 232 S. 93 Bilder im Text. Gebunden 3 Mk.

Teil auf Laster und Leidenschaften anspielen, scheint
mir völlig unbeweisbar und nichts weniger als wahr-
scheinlich. Dem angeblich „polyphemartigen" Speier
(S. 59) fehlt gerade das Hauptmerkmal des Cyklopen, näm-
lich die Einäugigkeit. Der als Einhorn gedeutete Speier
(S. 51) scheint mir nur ein besseres Schwein zu sein
mit starkem Borstenkamm zwischen den Ohren. Der
für ein „Rind" erklärte Speier der Nordseite (S. 71) be-
sitzt genagelte Hufe, ist also wohl als Pferd oder, da
er offenbar sehr lange Ohren besaß, noch richtiger als
Esel anzusprechen. Man sieht übrigens an dieser
Möglichkeit verschiedenartiger Deutung, dass die Bild-
hauer dieser frühesten Speier in das charakteristische
Wesen der verschiedenen Tiergattungen noch nicht eben
tief eingedrungen waren. Die bekannte Jahrmarkts-
inschrift rechts vom Haupteingang scheint mir auf S. 55
nicht die ihrer Bedeutung entsprechende Erklärung ge-
funden zu haben. Der Zusatz (gehalten?) hinter dem
Schlusswort „gevriet" ist geeignet, Missverständnisse her-
vorzurufen: sein richtiger Platz wäre hinter dem Wort
All' heiige tag. Vor allem aber hätte das Wort gevriet
in seiner mittelalterlichen Bedeutung erläutert gehört.
Der jetzt vermisste Hinweis darauf, dass die in diesem
Wort beschlossenen besondern Marktfreiheiten unserer
Stadt ihren Namen verliehen haben, hätte sich dann
von selbst ergeben. Der neue Führer versäumt es nicht,
die wichtigsten Forschungen über unser Münster in
Fußnoten namhaft zu machen. Doch vermisst man hier
konsequente Gleichmäßigkeit. Adlers Aufsatz über den
Westturm, der in der Deutschen Bauzeitung von 1881
erschien, wird zwar auf S. 40 bei der allgemeinen
Literaturübersicht erwähnt, nicht aber da, wo der Auf-
bau des Turmes analysiert wird (S. 13 ff.). Bei ge-
nauerer Anlehnung an Adler wäre diese Analyse ver-
mutlich noch überzeugender und feiner ausgefallen.
Denn dieser Aufsatz des Berliner Architekten ist so
weitaus das Geistvollste, was über unsern Turm ge-
schrieben worden ist, dass es sehr zu begrüßen wäre,
wenn die „Münsterblätter1' ihn durch einen emendierten
und besser illustrierten Wiederabdruck allgemeiner zu-
gänglich machen wollten. Unbedingt mussten übrigens
auf S. 40 auch die großen Verdienste erwähnt werden,
die sich der hiesige Schauinslandverein nun schon über
ein Vierteljahrhundert durch seine Vorträge und Publi-
kationen um die Münsterkunde erworben hat. Den
Schluss bildet eine ausführliche Chronik der Baudaten
sowie ein gutes Sachregister, wodurch der Gebrauch
des inhaltreichen Büchleins sehr erleichtert wird. Sehr
willkommen ist endlich der angebogene Grundriss des
Münsters; nur sollte er bei einer zweiten Auflage mit Buch-
staben und entsprechenden Legenden ausgestattet werden,
um die Orientierung bequemer zu machen. Alle diese
kleinen Ausstellungen wollen nicht an dem schönen
Werke nörgeln, sondern nur etwas in seinen überaus
mannigfaltigen, gediegenen Inhalt hineinleuchten. Der
neue Führer bedeutet für die Erschließung unserer
heimischen Kunstschätze in der Tat einen Merkstein.
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