Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Hrsg.]
Die Graphischen Künste — 28.1905

Seite: 95
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Nach einer Originalradierung von Otto Fikentscher.

OTTO UND JENNY FIKENTSCHER.

i.

Eine Betrachtung des lebenden Künstlers reizt zum Vergleich mit Werken der Vergangenheit.
Seit dem XVII. Jahrhundert, der Blütezeit der älteren Tiermalerei, ist die Kunst in der Richtung
einer weitergehenden malerischen und individualistischen Auffassung vorgeschritten. Vergleicht
man Werke Fikentschers mit holländischen Tierbildern, so zeigt sich zuerst der Unterschied des
Volkscharakters: der Holländer liebt das Kleine und Feine, er zerteilt die Fläche vielfach in Linien
und Farben; der Deutsche wirkt einfacher, dekorativer, der eine liebt vor allem die praktischen
Haustiere, der andere das Wild seiner Wälder. Dann spricht auch der verschiedene Geist der Zeiten.
Die Seite des Tieres, das Handeln nach den Gesetzen der eigenen Natur, nicht nach dem Verstände,
nach unbewußten, aber sicheren Trieben reizt das Auge des modernen Menschen, der dem klugen
Tiere um dieses glücklichen Besitzes willen höhere Achtung entgegenbringt. Indem er die Seele
des Tieres, nicht nur seine niedrigen Eigenschaften begreifen will, ist er kein roher Beherrscher
mehr, sondern ein Freund. Der Bauer, der am Ufer des Sees steht, treibt die Kühe nicht schreiend
vor sich her; ein bescheidener Zuschauer, blickt er still beobachtend der mächtigen, starken Herde,
die durch das Wasser rauscht, nach. Aber die Stärke des Instinktes wirkt am freiesten, wenn des
Menschen Gegenwart das geheimnisvolle Reich der Tiere nicht stört. So fehlt den Werken
Fikentschers fast stets die menschliche Staffage; darin unterscheidet er sich wesentlich von der
Auffassung früherer Zeiten. Selbst die Haustiere scheinen keinem fremden Willen zu gehorchen.
Ungezähmt und frei jagen die Füllen durch die Steppen; sicher wandeln die Kühe ohne Joch und
Glocken in der dämmernden leeren Dorfstraße oder sie ziehen in langer Reihe, eine mächtige Kette
von Körpern bildend, durch das Wasser.

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