Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — 43.1920

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Franz Wacik) Monatsbild aus dem Marchenkalender »Das tapfere Schneiderlöin«.
(Verlag von Gerlach & Wiedling in Wien).

FRANZ WACIK.

Schillers oft zitiertes Wort »Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst« hat heute kaum mehr
Geltung. Denn auch die Kunst steht gegenwärtig wie unser gesamtes politisches und wirtschaft-
liches Leben im Zeichen des Kampfes und der Revolution, Neues und Altes ringen auch hier
erbitterter denn je um ihre Existenzberechtigung. Der stille Abglanz innerer Heiterkeit, der seit
der Antike einen wesentlichen Bestandteil des künstlerischen Schönheitsideals bildete, ist aus der
Kunst unserer Tage nahezu verschwunden und hat dafür nur zu oft jenem Ausdruck qualvoller
Verzerrung Platz gemacht, der die innere Zerrissenheit dieses Jahrhunderts so getreu widerspiegelt.
Nur ganz wenige Künstler haben noch das alte Lächeln bewahrt. Es sind diejenigen, die sich aus
der brutalen Nüchternheit der Jetztzeit auf den Schwingen der Phantasie in ferne Märchenlande
geflüchtet haben, wo sie nun in aller Beschaulichkeit die traulichen Gestalten der Vergangenheit
oder die zauberischen Bilder orientalischer Pracht an sich vorbeiziehen lassen und darüber der
freudelosen Gegenwart völlig vergessen.

Auf .solch weltentrücktem sonnigem Eiland mitten im grauen Aleere des Alltags lebt und
schafft auch der Maler Franz Wacik. Seine Gedanken weilen am liebsten im Lande der Romantik,
in den geheimnisvollen Gefilden, wo die blaue Blume Heinrich von Ofterdingens blüht. Ein Nachfahre
Schwinds und Steinles, gehört er mit in die Reihe jener vorwiegend süddeutschen, insbesondere
aber österreichischen Künstler, denen Georg Jakob Wolf unter dem Titel »Deutsche Malerpoeten«
kürzlich eine anziehende Monographie gewidmet hat,1 in welcher hervorgehoben wird, daß die
Österreicher und unter ihnen namentlich die Wiener bereits von Natur aus besonders günstige
Anlagen zum Malerpoetentum mitbringen, weil ihr Nationalcharakter »eine Untermalung zeigt, die
in der Mischung von Gemüt und Humor unter Zurückdrängung nüchterner Verstandesmäßigkeit
die besten Voraussetzungen desMalerpoetentums schafft«. Auch Franz Wacik ist als echter Wiener
mit dieser glücklichen Mischung von Gemüt und Humor begabt, doch gesellt sich bei ihm noch
eine ganz eigenartige bizarre Phantasie dazu, die seinen Werken einen Stimmungsgehalt verleiht, wie

1 Georg Jiikub Wulf, Deutsche .Malerpoeten. München, F. Bruckmann, 1919.

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