Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — 43.1920

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LEOPOLD GOTTLIEB.

Es gibt Künstler, die nur dem Lispeln und Raunen in ihrem eigenen Innern lauschen, und
solche, die mit gespanntem Ohr einen jeden der wirren Laute des Tages zu erhaschen trachten.
Ganz große erleben es wohl, daß, was ihnen einmal in verschwiegener Stunde ihr Dämon zuge-
flüstert hat, zu einem weithin hallenden Rufe der Zeit wird. Es sind jene, die ihrem Geschlecht die
Erfüllung dessen bringen, was es bisher bloß dunkel geahnt und ersehnt hatte. Anderen gelingt es,
den Wünschen und Forderungen der Gegenwart den Stempel ihrer Persönlichkeit aufzuprägen.
Von den vielen, die es versuchen, sind nur wenige imstande, die treibenden Mächte der Zeit vor
ihre Wagen zu spannen. Ein paar stehen abseits,- kümmern sich nicht um äußere Erfolge, arbeiten
nur das, was sie, von einem inneren Zwang genötigt, arbeiten müssen, trinken immer nur aus
ihren eigenen Bechern, mögen sie auch noch so klein sein. Diesen pflegt die Nachwelt zu vergelten,
was ihnen die Mitwelt schuldig geblieben ist.

In einer Zeit wie der gegenwärtigen, in der das Feldgeschrei: Abkehr von der Natur! lautet,
ist es für den Künstler doppelt gefährlich, der inneren Stimme kein Gehör zu schenken und den
Lockrufen der Außenwelt zu folgen. Die Versenkung in die Natur ist für jeden Künstler, was
immer für einer Richtung er angehören mag, das Alpha und das Omega. Wer treu an der Natur
festhält, kann auch sich selber nie ganz verlieren. Die Stütze, den Rückhalt, den die Natur dem
Künstler gibt, kann keine Kunstmode ihm ersetzen.

Leopold Gottliebs erste Arbeiten, die in Wien auffielen, waren Bildnisse. Sie waren überlebens-
groß, in Zeichnung und Farbe sparsam bis zur Kargheit, höchst eindrucksvoll in ihrer das Wesent-
liche, Typische hervorhebenden Art. Sie ließen merken, daß ihr Urheber ein Bewunderer Cezannes
ist. Eine (freilich nur sehr beiläufige) Vorstellung von diesen älteren Werken vermittelt die auf
Seite 79 dieses Aufsatzes abgebildete lavierte Zeichnung.

Wie der Künstler nunmehr arbeitet, davon haben die im Frühling dieses Jahres in der Sezession
ausgestellten Gemälde Zeugnis abgelegt, das veranschaulichen hier die Originallithographie und
die Abbildungen auf Seite 80, 81 und 82. Alle diese Werke lassen mehr oder weniger klar das Ziel
erkennen, dem der Künstler nachstrebt. Er vereinfacht die Dinge, läßt mit beabsichtigter Deutlich-
keit das Gerüst des Bildaufbaues sehen und baut das Bild vor allem nach gewissen dekorativen
Grundsätzen auf; »Rhj'thmus«, das ist das allerdings vieldeutige Lieblingswort, das er gebraucht,
wenn er einem Betrachter verständlich machen will, was ihm heute bei einer Komposition die
Hauptsache ist. Daß er bei dieser Arbeitsweise vom Modell absieht, versteht sich beinahe von selbst.

Gegen diese Art des Schaffens wäre nun nichts einzuwenden, unterliefen hiebei nicht offen-
sichtliche Übertreibungen, die der Gesamtwirkung Abbruch tun und auf jenen aus längstvergangenen
Zeiten oder weitentlegenen Gegenden stammenden primitiven Kunstwerken, die unbewußt oder
eingestandenermaßen als Ideale vorschweben, nicht vorkommen.

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