Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — 54.1931

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Hans Figura, Sellagruppe.

Farbige Radierung.

HANS FIGURA.

Der Radierer Hans Figura gehört zweifellos zu den populärsten Wiener Graphikern der jungen
Generation. Das heißt, es schätzt ihn das Ausland, Westeuropa und Amerika, mindestens ebenso
hoch wie seine Heimat Österreich. Als Wiener kennt man die farbigen Figura-BIätter sicher aus
den Graphikschaufenstern der großen Kunsthandlungen. Und jenseits unserer Grenzpfähle beachtet
man diesen Künstler, schon weil er unverfälscht und in gutem Sinne österreichisch ist. Figura
besitzt alle Tugenden des österreichischen Künstlers. Klug und bescheiden verbirgt er nämlich
alles Höhere, Exklusive hinter liebenswürdiger Sachlichkeit. Er kommt dem Beschauer so weit als
möglich entgegen, bietet ihm den Reiz des Motivs, bezaubert ihn durch technische Gewandtheit
und durch den Glanz eines erprobten farbigen Arrangements, das mindestens geschmacklich und
dekorativ erziehend wirkt. Das kaufende Publikum ist in seinen Forderungen freilich oft un-
bescheiden, besonders wenn es aus Amerika kommt; da wünscht es, zum Andenken an Europa
womöglich die berühmtesten »Sehenswürdigkeiten« aller Städte und Länder in bildlicher Darstellung
mit nach Hause zu nehmen, Notre Dame, S. Maria della Salute, London Bridge usw. Figura hat es da
manchmal nicht leicht, der Sache auch künstlerisch etwas abzugewinnen. Aber seinem Naturell
gelingt es dennoch. Um so wertvoller sind freilich seine Arbeiten, je freier er in der Gegenstands-
wahl ist, je mehr er aus unmittelbarem Xaturgefühl und eigenem Antrieb heraus schaffen kann. Dann
gewinnt er lebendig wirkende Form und jenen Gestaltenvorrat, den er in der mehr konventionellen
Verkaufsgraphik rationell verwertet — bis zur nächsten schöpferischen Intuition. Es ist das ein
geistiges Einatmen und Ausatmen, wie es jedem Künstler, wohl auch jedem Intellektuellen bekannt ist.

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