Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — 54.1931

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Meister mochte viel daran gesetzt haben, diesen ruhmvollen Auftrag zu erreichen. »Fu lungamente
trattato da Signori«, berichtet 1648 C. Ridolfl über diesen Gegenstand (II, 61), und verschiedene
Entwürfe wurden daher zur Vorlage gebracht. Ebenso stellten sich die verschiedensten Gutachten
und Beurteilungen ein (conforme gli affetti erano anco diversi i pareri per quella elettione).1 Endlich
fiel die Entscheidung auf Veronese und Francesco Bassano, die das Gemälde nunmehr auf
Leinwand gemeinschaftlich ausführen sollten.2 Allein schon angesichts der vorgelegten Modelle
mochten Zweifel über die Unmöglichkeit des Beschlußes entstanden sein, und so ward er abge-
ändert. Man erkannte, daß die Verschiedenheit ihrer künstlerischen Eigenart zu groß war, als daß
sie sich hätte harmonisch in einem Werke vereinigen lassen. Wir bewundern heute noch die
Objektivität und das starke Eintreten der Kommission für einen guten und sicheren Erfolg.

Auf diese Weise gelangte der Auftrag an Veronese allein. Er war der richtige Mann, er stand
seit dem Tode Tizians auf der Höhe seines Ruhmes und hatte in dem gleichen Saale sein bestes
Werk, das Deckengemälde »Triumph der Venezia«, zur Aufstellung gebracht. Er war der blendende
Schilderer Venedigs, des damaligen freudevollen Gesellschaftslebens, indem er allen Reichtum,
Prunk und Glanz zu offenbaren und dadurch allen Augen zu schmeicheln verstand. Indes kam er
mit seinem Auftrag wahrscheinlich nicht über die erste Vorlage (Lille) hinaus, denn schon am
19. April 1588 ereilte ihn der Tod.

Abermals befaßte sich die Kommission mit der Erledigung der in eine neue Lage geratenen
Angelegenheit. Und diesmal erst fiel die Entscheidung zugunsten Tintorettos aus. Es mochte
dem in jener Zeit fast 70 Jahre alten Meister nicht leicht gefallen sein, die Bemalung einer Lein-
wandfläche zu übernehmen, die ein Ausmaß von 22 : 7 Aletern bedeutete. Allein der Ehrgeiz,
schließlich von allen der Erlesene zu sein, überwand alle Bedenken. Der Bericht Ridolfis hat etwas
Rührendes, wenn er den greisen Künstler im Verkehr mit den Senatoren sagen läßt: er sei alt und
bitte den Herrn, ihm schon in diesem Leben das Paradies zu gewähren, so wie er es durch seine
Gnade auch im jenseitigen erhoffe.11

Der Plan der Signoria ging dahin, für den gleichen Platz oberhalb des Tribunals das gleiche
Thema zu wählen, wie es Guariento schon 1365 in seiner schlichten Weise in Freskotechnik (alla
greca, di verde a chiaroscuro) dargestellt hatte. Der aus dem Jahre 1577 stammende unbeholfene
und das Fresko nur oberflächlich wiedergebende Stich Paolo Furlanis* und ebenso Ridolfl benennen
Guarientos Gemälde bereits mit »il Paradiso«, wiewohl wir es heute ohne weiteres mit »Krönung
Mariens« bezeichnen würden, denn den Hauptvorgang bildet die Zeremonie der Verleihung der
Krone. Mutter und Sohn thronen auf einem altarartigen, reich verzierten gotischen Aufbau, dessen
zweigeteilter Sockel oben in vier Nischen die Evangelisten enthält und darunter musizierende Engel.
Rechts und links je vier Propheten mit langen Bandrollen und dahinter abermals Engel (Abb. 2).
Guarientos Fresko kennt, im allgemeinen übereinstimmend, jedoch nicht die leeren, mit treibenden

1 Hadeln stellt in seiner Ridolfl-Ausgabe II, 61, Note 1, folgende noch erhaltene Entwürfe fest: von Veronese (Museum Lille), Francesco
Bassano (Petersburg), erkannt von E. v. Liphart, Zs. f. b. K., N. F. XXIV, 1913, S. 271 f., und von Tintoretto (Louvre. ehemals im Hause der Conti
Bevilacqua in Verona).

- Auch Girolamo Bardi, Dichiaratione (Venezia 15S7), C. 46, bestätigt die Gemeinschaft beider.
3 Ridolfl a. a. O.. S. 61.

* Herr Oberstaatsbibliothekar Dr. Ernst Frisch in Salzburg, der mich auf diesen gleichfalls in der Studienbibliothek befindlichen Stich auf-
merksam machte und eine Photographie freundlichst besorgte und dem ich hier meinen verbindlichsten Dank sage, sandte mir auch folgende
Beschreibung des Stiches: »Oben links die Inschrift: II gran conseglio di Venezia. In einer Kartusche vier italienische Verse: .L'amor, che
mosse . . . qui la fa la Regina', die Ridolfl (I, 33) als Versi di Dante anführt, was Hadeln als einigermaßen unwahrscheinlich bezeichnet. Rechts:
II paradiso alla Grcca etc . . . dann 13 Zeilen Beschreibung des Saales und Angaben der Mafie. Verleger-Adresse: Ex aeneis formis Bolognini
Zalterij. Das Blatt ist unten, wo man die Signatur Furlanis annehmen möchte, bis über den Plattenrand in die Bildlläche hinein beschnitten«.
41X51 cm. Thieme-Becker, XII, 599, XV, 173. Ein zweites Exemplar im Museo Correr in Venedig, nach freundlicher Mitteilung des Herrn
Direttore Rodolfo Protti.

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