Götz, Rolf
Die Sibylle von der Teck: die Sage und ihre Wurzeln im Sibyllenmythos — Kirchheim unter Teck, 1999

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kapeile ein unterirdischer Gang geführt habe51. Bei der
Angabe „am Nordabhang des Stumpenwaldes" ori-
entierte man sich offenbar an dem nahegelegenen
„Bruderwald" im Tiefenbachtal. Zu diesem angeb-
lichen Mönchskloster hat bereits 1953 der damali-
ge Staatsarchivrat und spätere Leiter des Stuttgar-
ter Hauptstaatsarchivs Dr. Walter Grube (1907 -
1992) in seiner für das „Heimatbuch des Kreises
Nürtingen" verfaßten Ortsgeschichte von Beuren
nüchtern festgestellt: Ein angebliches Mönchskloster
mit Sibyllenkapelle am Nordhang des Stumpenwaldes
gehört nur der Sage an. In ihr mag ebenso wie in dem
Flurnamen „Mönchenbrölle" eine Erinnerung an die
Bruderklause im nahen Frickenhäuser Wald fortleben52.
Der „Bruderwald" gehörte nämlich zu einem vor-
reformatorischen Waldbruderhaus mit Kapelle auf
der „Mochenhalde" im Südosteck der Nürtinger
Markung.

Wenn der Beurener Zusatz zur Sibyllensage erst im
zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts entstanden ist,
dann wird jedoch nicht die wohl längst vergessene
Bruderklause sagenbildend gewirkt haben, sondern
wohl eher der bei Beuren gelegene „Engelberg" mit
seiner vorreformatorischen Wallfahrtskapelle „Un-
serer Lieben Frau". Die 1848 erschienene Nürtinger
Oberamtsbeschreibung erwähnt nämlich eine Sage,
wonach hier einst ein Frauenkloster stand, das die
Beurener deshalb in dankbarer Erinnerung behiel-
ten, weil man die Befreiung von der Abgabe des
„Kleinzehnten" als ein Geschenk der guten Frauen
ansah33. Als die Erzählungen von der „gütigen" Si-
bylle von der Teck den Ort erreichten, wird wohl
eine Vermischung mit der älteren Sage von den
„guten Frauen" des Frauenklosters erfolgt sein.

Die Weissagungen vom Weltuntergang
und der Türkenschlacht bei Köln

Bei seinem Besuch vor Ort hörte Ernst Meier von
zwei angeblichen Weissagungen der Sibylle von der
Teck, deren Herkunft ihm offensichtlich unbekannt
geblieben ist. Geht man den Quellen dieser Weissa-
gungen nach, so merkt man bald, daß sie einer
Sibyllen-Tradition entnommen wurden, die mit der
lokalen Sibylle nichts zu tun hat.

Die Weissagung, daß die Welt nicht eher unterge-
hen werde, bis „die zwölf Sibyllen" wiederkämen,
weist nämlich auf eine in der Bevölkerung noch im
19. Jahrhundert volkstümliche Broschüre hin, die
erstmals 1531 unter dem Titel „Zwölf Sibyllen Weis-
sagungen" gedruckt worden war. Die letzten Aus-
gaben erschienen noch in den 1870er Jahren in ei-
nem Reutlinger Verlag. Der große Erfolg dieser
Schrift über vier Jahrhunderte hinweg - man kann
geradezu von einem Volksbuch-Bestseller sprechen
- ist darauf zurückzuführen, daß hier die Tradition
der Sibyllen-Weissagungen vom Jüngsten Tage aus
spätantiker und mittelalterlicher Zeit aufgegriffen
wurde. Zudem wurden auch noch Weissagungen
anderer mittelalterlicher Propheten in die Schrift
mitaufgenommen. Seit dem 15. Jahrhundert war die
Zahl der zehn aus antiker Zeit bekannten Sibyllen
auf zwölf erweitert worden, die alle in der Schrift
mit den jeweiligen, auf Christus bezogenen Weissa-
gungen in Wort und Bild vorgestellt wurden. Die
Ankündigung des Jüngsten Tages blieb aber einer
13. Sibylle namens „Nichaula", der Königin von
Saba, vorbehalten. Die Verknüpfung des Weltunter-
gangs mit der Wiederkehr der zwölf Sibyllen findet

5] Julius Unkel (Oberlehrer in Beuren): Ortskunde von Beuren, Oberamt Nürtingen, S. 9. Handschrift, datiert „Beuren, den 20. Sept.1915"
(Örtsarchiv Beuren,, heute Landkreisarchiv Esslingen); ders.: Vorbemerkungen zur Flurnamensammlung für die Markung Beuren, 1928
(Flurnamenarchiv, Landesstelle für Volkskunde, Stuttgart).

u Walter Grube: Ortsgeschichte Beuren, in: Heimatbuch des Kreises Nürtingen, Bd. 2 (1953), S. 133. Zum Waldbruderhaus vgl. Eberhard
Benz: Bruderhaus Mochenhalde, in: Nürtinger Zeitung vom 9. August 1975, wiederabgedruckt in: E. Benz und der Altkreis Nürtingen.
Gesammelte Schriften, Nürtingen 1984, S. 377-383; Dietrich Braun: Nikolauskirche Beuren. 800 Jahre erlebte Geschichte (1988), S. 26-29
zur Wallfahrtskapelle und zum „Frauenklösterle" auf dem Engelberg.
53 Oberamtsbeschreibung Nürtingen (1848), S. 148.

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