Götz, Rolf
Die Sibylle von der Teck: die Sage und ihre Wurzeln im Sibyllenmythos — Kirchheim unter Teck, 1999

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die aus der „Legenda Aurea" bekannte Kreuzes-
holzlegende. Auf die Frage Salomos, warum sie bei
ihrer Ankunft durch einen Bach gewatet sei und
nicht den Steg benützt habe, antwortet die Sibylle,
daß dieses Holz einst Christus tragen werde, der
von einer Magd geboren sei und die Erlösung brin-
gen werde. Das Weltende prophezeit sie auf das Jahr
1321. Auf die Frage nach den letzten Fürsten des
Reichs antwortet sie mit Buchstabenweissagungen,
die in der Tradition der „Tiburtina" stehen: Ein A
werde ein anderes A schlagen, danach komme ein
H, danach kämpften sieben Jahre lang ein F und ein
L, bis schließlich das F den Sieg davontrage.

Für den zeitgenössischen Leser war die Auflösung
klar: Adolf von Nassau (t 1298) kämpfte gegen Al-
brecht von Habsburg (1298 - 1308), danach folgte
Heinrich VII. (1308 -1313), und seit 1314 kämpften
Friedrich von Habsburg und Ludwig der Bayer um
den Thron. Das Lied diente offensichtlich propagan-
distischen Zwecken, die Auftrageber sind unter den
Gegnern Ludwigs des Bayern zu suchen. Im Laufe
des 14. Jahrhunderts wurde das Lied in mehreren
Versionen bis auf 19 Strophen erweitert und in sei-
nen Weissagungen vom Weltende aktualisiert.

Um 1370, während der Regierungszeit Kaiser
Karls IV, der als Endkaiser betrachtet wird, ent-
stand aus dem Lied die umfangreiche, 1024 Reim-
paarverse umfassende „Sibyllenweissagung", die
wie bei einer mittelalterlichen Weltchronik mit der
Erschaffung der Welt beginnt und die Weltgeschich-
te bis zum Weltende fortsetzt216. Bei der Erzählung
vom Besuch der Sibylle bei König Salomo wird erst-
mals von ihrem Gänsefuß berichtet, der sich zur Be-
lohnung, daß sie das künftige Kreuzesholz nicht be-

treten hatte, wieder in einen Menschenfuß verwan-
delte.

Von der „Sibyllenweissagung" gibt es eine umfang-
reiche handschriftliche Uberlieferung, die Fassun-
gen aktualisierten jeweils die Herrscherweissa-
gungen. Der erste Druck aus der Werkstatt Guten-
bergs war 1451/53 die „Sibyllenweissagung"! Wei-
tere Drucke lassen sich bis in die Zeit um 1600 nach-
weisen.

Die angeblichen Weissagungen der „Erythräa"

Nach dem Tode des Stauferkaisers Friedrichs II. im
Jahre 1250 hielt sich jahrzehntelang das Gerücht, er
sei nicht gestorben, und mancherorts erschienen
sogar falsche Friedriche. Den größten Erfolg hatte
ein Tile Kolup (hochdeutsch Dietrich Holzschuh),
der 1284 in Köln als Kaiser Friedrich auftrat. Am 7.
Juli 1285 wurde er als Ketzer und Zauberer ver-
brannt. Auch in Italien war, wie der Chronist
Salimbene von Parma (1221 - n. 1287) erzählt, die
Nachricht vom Auftauchen des Stauferkaisers auf
Glauben gestoßen217. Für die „Joachiten", die An-
hänger des wegen seiner Weissagungen berühmten
kalabresischen Abtes Joachim von Fiore (t 1202),
war die Nachricht deshalb glaubwürdig gewesen,
weil sie - angeblichen Weissagungen der ery-
thräischen Sibylle und des Sehers Merlin zufolge -
nicht an den Tod des Stauferkaisers hatten glauben
wollen. Er sollte nämlich - so deuteten die Joachiten
die Prophetien ihres Lehrmeisters - jener Antichrist
sein, mit dem im Jahre 1260 das von Joachim von
Fiore angekündigte dritte Weltzeitalter beginnen
sollte218.

216 Ediert bei Neske (wie Anm. 146), S. 250 ff.

21' Cronica Fratris Salimbene de Adam Ordinis minorum, hg. von Oswald Holder-Egger (= Monumenta Germaniae Historica, Scriptores,
Tomus 32), Hannover 1905-13, S. 537. Übersetzung in: Die Geschichtschreiber der deutschen Vorzeit, Bd. 94, Leipzig 1945, S. 210.
218 Zur erythräischen Sibylle vgl. Oswald Holder-Egger: Italienische Prophetien des 13. Jahrhunderts, in: Neues Archiv 15 (1890),
S. 143-178, der Text der erythräischen Sibylle S. 155-173, die später auf Friedrich II. bezogene Weissagung S. 168, die Merlin zugeschriebe-
ne Weissagung S. 175-177, die wohl erst nach 1260 entstandene Kurzfassung in: Neues Archiv 30 (1902), 5. 333 f. Zu Merlin vgl. Will-Erich
Peuckert, in: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Bd. 9 (1941), Sp. 428 f.

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