Grautoff, Otto
Die Maske und das Gesicht Frankreichs: in Denken, Kunst und Dichtung — Stuttgart , Gotha: Verlag Friedrich Andreas Perthes A.-G., 1923

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ROMANTIK, FREIHEIT, INDIVIDUALISMUS

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erschlaffte die männliche
Lebenskraft des französischen Volkes in sentimentalen Schwärme-
reien und süßlichen Zärtlichkeitsgefühlen, wie sie auch in Taines
unvergänglicher „Entstehung des modernen Frankreich “ charakterisiert
werden. „ Es handelt sich darum, zur Natur zurückzukehren, das Land-
leben zu bewundern, die Einfachheit der ländlichen Sitten zu lieben, sich
für die Bauern zu interessieren, und human zu sein, ein Herz zu haben,
die Süßigkeiten und Zartheiten natürlicher Neigungen zu kosten, Gatte
und Vater zu sein, eine Seele mit Tugenden und religiösen Ergüssen
zu besitzen, an die Vorsehung und die Unsterblichkeit der Seele zu
glauben, Begeisterung zu empfinden.“ Dieser Gesinnung entsprachen
1749 Rousseau, Einfluß von Kunst und Wissenschaft, 1753 Rousseau,
Über die Ungleichheit, 1755 Greuze, Der Familienvater aus der Bibel
vorlesend, 1757 Diderot, Der natürliche Sohn, 1758 Diderot, Der
Familienvater, 1759 Rousseau, Die neue Heloise, 1761 Greuze, Die
Dorfbraut, 1762 Rousseau, Emil oder von der Erziehung.
In „Emil“, dem Roman der neuen Pädagogik, heißt es: „Aus
dem Wörterbuch des Kindes sind die Wörter Gehorchen und Befehlen
gestrichen, noch mehr die Wörter Pflicht und Verbindlichkeit. . . .
Ich habe dich mehr dazu erzogen gut zu sein als tugendhaft. . . .
Werde aber wahrhaft frei, indem du dein eigener Herr wirst, gebiete
deinem Herzen, Emil, und du wirst tugendhaft sein. Der Ehrgeiz,
die Habsucht, die Tyrannen, die falsche Vorsorge der Väter, ihre
Nachlässigkeit, ihre harte Gefühlosigkeit sind den Kindern hundert-
mal gefährlicher als die blinde Zärtlichkeit der Mütter.“ Rousseau
wollte die Erziehung der Kinder den Vätern nehmen und den Müttern
übertragen. Er verabscheute den maskulinen Charakter seiner Gegen-
wart und Vergangenheit und wollte die Menschheit effiminieren.
„Die Zeit ist nicht mehr fern“, schrieb George Sand 1841 in ihren
Betrachtungen über Rousseau, „die den Verfolgungen des heiligen
Rousseau ein Ende bereiten wird, wie sie den heiligen Augustin
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