Grautoff, Otto
Die Maske und das Gesicht Frankreichs: in Denken, Kunst und Dichtung — Stuttgart , Gotha: Verlag Friedrich Andreas Perthes A.-G., 1923

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ZERSTÖRTE HOFFNUNG: UN POILU INCONNU

Im August 1915 erschienen in der Revue de Paris Briefe eines un-
genannten Frontsoldaten, eines jungen Malers an seine Mutter, die
frei von Politisiererei von einem doktrinlosen undogmatischen Men-
schen geschrieben waren. Sie sind datiert vom 6. August 1914 bis
zum 6. April 1915, d. h. bis zu dem Tage, an dem der siebenund-
zwanzigjährige Künstler in einer Schlacht an der Westfront verschollen
ist. Die Wirkung der Briefe ist in Frankreich verklungen. Noch in
dem Kriegsjahre 1918 ist in den von Max Rascher geleiteten euro-
päischen Büchern eine deutsche Ausgabe erschienen, die von Professor
Schneegans mit Sorgfalt und feinem Verständnis bearbeitet worden
ist. Erfreulicherweise ist auch das schöne Vorwort, mit dem Andre
Chevrillon die Briefe eingeleitet hat, in die deutsche Ausgabe über-
nommen worden. Wie ein musikalisches Vorspiel bereitet diese Ein-
führung den Leser auf das Schicksal, das sich in diesen Briefen ent-
rollt, vor und hebt den Leser in die Stimmung, die für die Auffassung
eines ernsten Schicksals und für die Einführung in eine große, ge-
läuterte Natur erforderlich ist.
Die Briefe sind eine Art Selbstgespräche, die dieser ver-
schollene junge Künstler von Beginn seiner Einziehung in einer
kleinen französischen Stadt an, während der Ausbildung, inmitten der
Schlachten, im Schützengraben, in Unterständen, in Ruhestellungen,
bis zu dem Tage, an dem er vermutlich einen grausamen Tod ge-
funden hat, mit sich selbst geführt, aufgezeichnet und seiner Mutter
übermittelt hat. In den ersten Wochen, die seiner Losreißung aus
der bürgerlichen Welt folgten, scheint er noch verknüpft mit der
Umwelt. Betrachtend ruhen seine Blicke auf seiner Umgebung, be-
schreibend äußert sich seine Sprache. Aber je tiefer er in den Krieg
hineingerät, um so ernster, unerschütterlicher wird sein Drang der
seelischen Selbstrettung. Er löst sich aus der Umwelt. Sie fällt ge-
wissermaßen von ihm ab. In dem gleichen Maße, in dem seine Ein-
samkeit zunimmt, erhebt sich sein Geist über die Welt. Er erhebt

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