Grautoff, Otto
Die Maske und das Gesicht Frankreichs: in Denken, Kunst und Dichtung — Stuttgart , Gotha: Verlag Friedrich Andreas Perthes A.-G., 1923

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VORWORT

Mein Buch ist für Deutsche geschrieben. Es soll deutsche An-
schauungen über Frankreich ergänzen, erweitern, korrigieren. Das
Problem Frankreich, das Problem einer Überbrückung deutsch-fran-
zösischer Gegensätze ist schwieriger, ernster, als man gemeinhin in
Deutschland annimmt. Weder ein neuer Krieg, noch eine Verbrüde-
rung zwischen linksradikalen Deutschen und linksradikalen Franzosen,
die die Idee des Vaterlandes trüben, könnte die Lösung bringen.
Selbst wenn die Konstellation, die ich darzustellen versuchte, sich
durch wirtschaftliche und politische Umstände plötzlich ändern würde,
dürfte nicht vergessen werden, daß die Ideologie: Imperium Ro-
manum contra barbaros im Unterbewußtsein fortleben wird und daß,
wie im 17., 18., 19., 20. Jahrhundert neue Apostel erstehen würden,
um ihr wieder Geltung zu verschaffen. Keine französische Revolution
hat auf irgend einem Gebiet durchschlagende Kraft gehabt. Zu dieser
Überzeugung, die ich in zwei Jahrzehnte langem Studium des fran-
zösischen Problems gewonnen habe, möchte ich meine Landsleute
aufrufen.
Ein Schriftsteller, den ich schätze, schrieb mir eines Tages: „Es
erscheint mir als Schwäche, daß Sie sich Problemen der Kunst und
der Literatur gegenüber politisch einstellen.“ Das ist aus deutschem
Empfinden geurteilt. Ich dagegen lernte in Frankreich diese Ein-
stellung als Stärke schätzen. In Deutschland will man das nicht
sehen und begreifen. Das ist eine Schwäche — und ein Teil der
Schönheit des Deutschen, dieses unpolitischen Volkes par excellence.
Wenn aber bei unserm Nachbarn alle Gebiete des Geisteslebens durch
Politik infiziert werden, wenn jede Ideologie durch die Politik ihre
Ziele und ihre Form erhält, dann erfordert der Selbsterhaltungstrieb
Deutschlands, daß es sich darüber Rechenschaft gibt. Infolgedessen
ist dieses Buch keine Literatur- und keine Kunstgeschichte geworden,
sondern eine Darstellung der französischen Ideologie, eine Würdigung
einzelner Gestalten, ein Versuch, das geistige Frankreich psychologisch
zu fassen.
Wenn ich heute um einiges Vertrauen in meine Einschätzung
Frankreichs bitte, so darf ich es vielleicht mit dem Hinweis darauf
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