Grautoff, Otto
Die Maske und das Gesicht Frankreichs: in Denken, Kunst und Dichtung — Stuttgart , Gotha: Verlag Friedrich Andreas Perthes A.-G., 1923

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KÄMPFERWILLE UND AUFSCHWUNG

Der große weiße Vogel

Es entspannte der weiße Vogel die Schwingen,
sie waren ganz neu, sie waren ganz rein.
Sie lachten wie Segel im Sonnenschein,
und blähten wie Segel, die Wind fingen.
Mit voller Kraft, mit vollem Vertraun
verließ er sein Tal und seinen Baum
und des Laubes Traum,
um die Weiten der Höhe zu schaun.
Als er ankam auf des Lebens Land,
der große Vogel weiß und jung
in prächtigem Schwung,
hielt er tapfer stand, als des Lebens Hand
ihn steinigte mit hartem Schwung.
Er schwankte ein wenig, die Flügel fielen,
und die Leute unten sahen dicht
Flaum niederstäuben durch Luft und Licht,
und Federn auch, Federn fielen,
doch landete der Vogel nicht.
Und der große Vogel sank nicht nieder,
und ward doch beworfen wieder und wieder
mit dem kleinen Kies der kleinen Leiden
vom Leben.

Plötzlich erreichte ein heftiger Stein,
beschmutzt mit der Gasse schwärzestem Kot,
die eine Schwinge und fuhr hinein,
und bohrte ein Loch, das war schwarz und rot
in der Schwinge;
und war doch so neu, und war doch so rein.

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