Grautoff, Otto
Die Maske und das Gesicht Frankreichs: in Denken, Kunst und Dichtung — Stuttgart , Gotha: Verlag Friedrich Andreas Perthes A.-G., 1923

Page: 156
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FREIHEIT AUF DEM BODEN DES GESETZES
ALS FRANZÖSISCHE LEBENSFORM

Nrach einem Besuch in Aristide Maillols Atelier durchschritt ich
einst seinen wildwuchernden, üppig sprießenden Garten und
betrat dann die gepflegte Landstraße, die durch die hügelige
Landschaft führt, hinunter nach Saint Germain en Laye. Aus einem
urwüchsigen Naturidyll gelangte ich in den Bereich der Pariser Stadt-
kultur. Im Parke von Saint Germain gehorchen die Bäume wieder
den Anordnungen der abstrakten Gesetzmäßigkeit, die die Pariser als
Schönheitskanon aufgestellt haben. Sie stehen in Reih und Glied.
Ihr Gezweig entfaltet sich maßvoll und ist überall rücksichtslos be-
schnitten, wo es über die Fassade der Parkanlage hinauszudringen
wagt. Maß und Würde wird auch von der Natur verlangt. Es ist
den Bäumen verboten willkürlich zu wuchern. Die Naturkräfte haben
gewisse Schranken zu wahren, die Gesetze zu erfüllen, die der Mensch
vorgeschrieben hat. Die langen Alleen sind dem Unkraut und dem
Buschwerk verboten. Es hat sich zurückzuhalten. Lächelnd über diese
Tyrannei ging ich durch den künstlichen Park. Soll ich ein Mani-
fest für das Wachstumsrecht in der Natur aufsetzen? dachte ich. Frei-
heit, Gleichheit, Brüderlichkeit im Pflanzenreiche? Auch hier hat sich
Frankreich für das Gesetz entschieden und wenn sich germanischer
Freiheitsdrang auch noch so antipodisch dagegen aufbäumt, so können
wir Maßstäbe unseres Gefühls nicht an fremde Werte legen. Das dachte
ich, als ich durch die gepflegte, geordnete, maßvoll rhythmisierte Allee
schritt, der Stadt entgegen, die durch das Gesetz ihre Weltgeltung in
Kunst und Literatur errungen hat.
Schlösser und Gärten Frankreichs deuten dem Fremden Gefüge
und Sinn, Größe und Enge französischer Lebensform. Vor allem das
Stadtbild von Paris. Erst wenn man den Geist, das Gesetz, den Ra-
tionalismus französischer Lebensform begriffen hat, wird die Bedeu-
tung der Zahlenproportionen, die A. E. Brinckmann mit genialem Blick
als Basis aller architektonischen Schönheit Frankreichs demonstrierte,

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