Grautoff, Otto
Die Maske und das Gesicht Frankreichs: in Denken, Kunst und Dichtung — Stuttgart , Gotha: Verlag Friedrich Andreas Perthes A.-G., 1923

Page: 164
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SCHLUSSWORT

Ist mir ein Leser Seite für Seite bis hierher gefolgt? Ich werde ihn
bewundern, denn ich weiß, wie schwer es ist, sich durch ein Buch
durchzuarbeiten, das so mit Zitaten angefüllt ist wie das meine.
Wenn ich sie fortgelassen hätte, würde die Schlagkraft meiner Beweis-
führung geschwächt, vielleicht sogar aufgehoben worden sein. Viel-
fältig mußte ich sogar in der Originalsprache zitieren, um nicht nur
die Möglichkeit des Nachprüfens zu erleichtern, sondern um die ganze
Wucht oder die blinkende Ironie französischer Worte wirken zu lassen.
Ich werde dem Leser, der mir bis zuletzt gefolgt ist, aber auch
dankbar sein; nur als Ganzes genommen kann meine Arbeit beurteilt
werden. Nur als Ganzes kann sie ihren Zweck erfüllen: Urteile zu
korrigieren, zu vertiefen und zu erweitern.
Ich habe mich bemüht objektiv zu sein, weiß aber auch, daß man
nach Objektivität nur streben, sie niemals erreichen kann. Meine Be-
trachtungsweise faßt die Gesamtform der französischen Kultur ins Auge.
Andere Schriftsteller, die über das gleiche Thema handelten, sehen
das Problem von anderem Blickpunkt. Fritz Roepke und Joachim
Kühn sind politisch eingestellt. E. R. Curtius, Hans Jacob u. a.
greifen allein die ästhetischen Werte heraus. Stefan Zweig spielt
unter beständigem Pedaltreten Rhapsodien auf Mercereau und Rolland,
dann wieder auf dessen Gegenpol Thomas Mann. Pedaltreten ist
nicht meine Sache. Immerhin werden wohlmeinende Leser spüren,
daß auch ich gelegentlich die Fülle aller Ober- und Untertöne in
meinem Buch erstrebt habe. Doch nur durch klares Herausarbeiten
jeder einzelnen Melodie ergiebt sich die Grundidee eines Werkes,
einer Nation. Nur wer die Dissonanzen mit durchlebt hat, genießt
die Harmonie aller Töne als Befreiung. Darum habe ich in meiner
Interpretation Frankreichs die Mißklänge nicht unterschlagen. Allein
so kann sich das Gesamtbild eines Landes ergeben, an dem mir lag.
Ich versuchte die einzelnen Fäden im Wirken des französischen
Geistes innerhalb des Rahmens der nationalen Empfindungen und
Ideen zu erfassen. Auch ich fühle mich innerhalb eines Rahmens

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