Günther, Hubertus
Das Studium der antiken Architektur in den Zeichnungen der Hochrenaissance — Tübingen, 1988

Seite: 241
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HISTORISCHE STELLUNG DES KREISES VON BAU AUFNAHMEN

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Vater geleitet hat, ist 1518 (vgl. Kap.V), das Wiener
Skizzenbuch Rinieros 1519 datiert, der „Italiener X"
zeichnete S. Agostino nach 1516.

Wie bei den gleichzeitigen Vermessungen der Sangallo
ging nicht mehr ein Einzelner ans Werk, sondern mehrere
Gehilfen arbeiteten zusammen. Die Gruppenarbeit wurde
nötig wegen des neuen Anspruchs der Antikenstudien:
große Anlagen wurden mit der gleichen Präzision aufge-
nommen wie früher relativ kleine und überschaubare Bau-
ten, und in beiden Fällen sollte die antike Architektur
anscheinend möglichst vollständig erfaßt werden, ein Ge-
danke, von dem Cronaca oder Gian Cristoforo Romano
noch weit entfernt waren.

Weitgehend ähnlich war auch die Auswahl der Bauten,
die beide Kreise trafen: Die prominenten Bauten, die
Thermen, Konzentration auf Triumphbögen, Vernachläs-
sigung der klassischen Tempel mit Ausnahme der Rund-
tempel, die Bramantes Tempietto inspiriert hatten (im
Unterschied vorher zu Cronaca und zu den wenig späte-
ren Studien zum Romplan). Beide Kreise konzentrierten
sich auf Rom bzw. Mittelitalien. Den Werken der Antike
wurde jeweils die römische Architektur gegenüberge-
stellt, die neuerdings im Entstehen begriffen war. Bra-
mantes Bauten wurden mit großer Vollständigkeit ver-
messen. Sie sind jeweils in dem Zustand gezeigt, in dem
sie sich seinerzeit befanden. Der Kasseler Zeichner und
der „Italiener X" verzichten zudem wie Bernardo della
Volpaia auf Rekonstruktionen der antiken Werke (Titus-
bogen, Rundtempel in Tivoli (Taf. 94, 71a).

Zur Vermessung wurden Maßeinheiten benutzt, die
nicht in Rom gebräuchlich waren. Auffällig ist besonders
die Einführung neuer, praktischer Maßteilungen in bei-
den Kreisen. Im Unterschied zu Cronacas einfachen
Zeichnungen oder zu den Skizzen, in denen Antonio
da Sangallo und Peruzzi ihre privaten Antikenstudien
gewöhnlich festhielten, wurden die Bauaufnahmen je-
weils mit durchdachter Systematik und besonderer Sorg-
falt angelegt. Ähnlich sind sogar die gelegentlichen „Kor-
rekturen" an der Antike. Beide Kreise verbanden die
Antikenaufnahmen mit dem Studium der Säulenordnun-
gen. Die Zusammenfassung der Studien im Codex Coner
findet keine Parallele, allerdings hat Serlio diesen Gedan-
ken später verwirklicht.

Die Bauaufnahmen Rinieros und Serlios gehören zwei-
fellos nicht zum Sangallo-Kreis. Antonio mußte sich Ri-
nieros Zeichnungen eigens ausleihen, um sie kopieren
zu können. Der Ton seiner Notiz dazu wirkt geradezu
feierlich gegenüber den lakonischen Vermerken zu Arbei-
ten seiner eigenen Gehilfen. In Antonios Nachlaß befand
sich anscheinend keine Zeichnung Rinieros.

Dennoch beweisen die zahlreichen Parallelen, die oben
aufgeführt sind, daß über die gleiche Zeit der Entstehung
hinaus ein Zusammenhang zwischen den Antikenstudien
der beiden Kreise bestand. Anscheinend standen die Stu-
dien, die Riniero und Serlio überliefern, in einer gewissen
Konkurrenz zu denen der Sangallo. Das Kolosseum,
wohl als Giulianos Domäne, merkwürdig bei der sonsti-
gen Parallelität, bleibt ausgespart. Die Thermen, an die
sich Giuliano erst zuletzt wagte, wurden dagegen zuerst
untersucht: Hier kam Riniero erheblich weiter als Giu-
liano. Die ehrgeizigste Bauaufnahme im Wiener Skizzen-
buch, diejenige der Diokletiansthermen, bildet fast ein
Gegenstück zu der Darstellung des Kolosseums im Codex
Coner. Die auf die Spitze getriebene Genauigkeit erweckt
den Eindruck, als sollten hier die Antikenstudien der
Sangallo gewissermaßen mit ihren eigenen Waffen ge-
schlagen werden. Die Antikenstudien, die Riniero und
Serlio überliefern, wurden wohl durch Giuliano da San-
gallos Vermessung des Kolosseums und die darin be-
schlossenen neuen Ideen angeregt und ausgelöst. Sicher
suchten sie ebenso die Gunst Leos X.

Wenn man nach der Persönlichkeit sucht, die hinter
Riniero und Serlio stand, fällt der Blick auf Raffael, der
im Memorandum an Leo X. davon ausgeht, bei Antiken-
studien die alten Maße anzulegen. Auf Grund der Datie-
rung des Wiener Skizzenbuchs und der Innenansicht des
Pantheons im Kasseler Codex wollte schon Buddensieg
eine Verbindung zu Raffael herstellen177. Der „Borgo-
brand" demonstriert, mit welcher Wendigkeit sich Raffael
schon 1514 dem Sinn des Papstes für Kunsttheorie und
Antikenstudien anpaßte (vgl. Kap. I). Serlios verehrter
Lehrer Peruzzi kommt jedenfalls nicht in Frage als Initia-
tor der Antikenstudien, die hier zur Diskussion stehen,
weil sich keine entsprechenden Zeichnungen in seinem
Nachlaß finden. Bramante, das zeigt die allgemeine Ein-
beziehung seiner Werke, stand über allen Parteien. Der
„Italiener X" und der Kasseler Zeichner haben im Unter-
schied zu Bernardo della Volpaia ancheinend keine Pläne
Bramantes ausgewertet.

Vor dem Hintergrund dieser Zusammenhänge zeigt
sich, daß Rinieros Wiener Skizzenbuch, wie die Datierung
andeutet, eine spätere Auswertung der behandelten Anti-
kenstudien darstellt. Die Vorstellungen hatten sich inzwi-
schen gewandelt: Riniero berücksichtigt jetzt, wie Serlio,
die Bauten in ganz Italien, Bramantes Werk entfällt und,
vielleicht unter dem Eindruck des neuen Anlaufs zu einem
Romplan unter Raffaels Leitung, versucht Riniero nun
zu rekonstruieren.

177 Buddensieg 1969, 65-68. Ders. 1976, 346s.
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