Günther, Hubertus
Das Studium der antiken Architektur in den Zeichnungen der Hochrenaissance — Tübingen, 1988

Seite: 243
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VII. Antonio da Sangallo und Baldassare Peruzzi

Forschungsstand (243) • Geschichte des grafischen Nachlasses Antonios (244) • Geschichte des grafischen Nachlasses Peruzzis
(244) ■ Kopien nach Antonios und Peruzzis Studien (245) • Datierung der Studien Antonios und Peruzzis (249) • Gemeinsame Studien
(257) • Methoden der Bauaufnahme und Rekonstruktion (263) • Theoretische Studien (294) • Säulenordnungen (297) ■ Verhältnis Anto-
nios und Peruzzis zu Vitruv (300) • Das lateinische Theater (302) • Tempelgruppe am Forum Holitorium und die Dorica (310) •
Tempelgruppe am Forum Holitorium und Vitruvs Tempeltypen (314) ■ Identifizierung der Tempel am Forum Holitorium (315) •
Eigenwert der skizzenhaften Studie (316) ■ Der Romplan Leos X. (318) • Seine besonderen Eigenschaften nach den Schriftquellen (319) •
Übereinstimmungen mit den Studien Antonios und Peruzzis (324) • Die Mitwirkenden am Romplan (326).

Dieses Kapitel behandelt die Antikenstudien Antonio da
Sangallos und seines Kreises, besonders die seines Bru-
ders Giovanni Battista und seines Vetters Giovanni Fran-
cesco1, in Verbindung mit denjenigen des Baldassare Pe-
ruzzi. Obwohl Peruzzi nicht so eng mit Antonio verbun-
den war wie dessen Verwandte oder andere Gehilfen,
reden wir im folgenden der Einfachheit halber auch vom
Sangallo-Peruzzi-Kreis.

Die Grundlage dieser Untersuchung bilden die Publi-
kationen der Aufnahmen antiker Bauten der Sangallo und
Peruzzis durch A. Bartoli, O. Vasori, H. Burns und T.
Buddensieg2. Bartoli hat die Bauaufnahmen in den Uffi-
zien, soweit wie möglich, nach Papiersorten und anderen
Merkmalen in Gruppen geordnet. Er hat versucht, diese
Serien zu datieren, was freilich gerade bei Antonio da
Sangallo nur ausnahmsweise wirklich gelungen ist3. G.
Giovannoni hat ein Kapitel seines Buches über Antonio
da Sangallo den Antikenstudien gewidmet4. Sein sehr
anschaulicher Uberblick läuft darauf hinaus zu demon-
strieren, mit welcher Intensität und Akribie Antonio seine
Untersuchungen durchführte und mit welcher Energie er
seine Mitarbeiter überwachte, kritisierte und antrieb. Die
theoretischen Studien der Sangallo und Peruzzis sind al-

1 Buddensieg 1975, 103 s., 108.

2 Bartoli, 1914-1922. Vasori 1981. Burns 1966. Buddensieg, loc. cit.
Jetzt auch Wurm 1984.

3 Bartoli, 63 s. Von den dort vorgeschlagenen Datierungen lassen
sich die folgenden nicht halten: UA 930, 2055 nach 1520; vgl.
Anm. 100. UA 1178, 1120, 1124, 1044 nach 1540; von Bartoli
selbst bezweifelt. UA 1218 um 1540-1546 mit der Berufung auf
eine Grabung in der Zeit. Aber schon Peruzzi (gest. 1536) stellt
den Tempel des Antoninus Pius in seiner Gesamtheit einschl. des
Treppensockels dar, UA 478v + 631r. Bartoli, fig. 326.

4 Giovannoni 1959, 18-28.

lerdings nach wie vor weitgehend unpubliziert4\ Und
es fehlt bisher eine Auswertung der Aufnahmen antiker
Bauten, die über Giovannonis summarisches Kapitel hin-
ausgeht.

Hier sollen nun keineswegs sämtliche Zeichnungen der
Sangallo und Peruzzis besprochen werden. Das würde
den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Es geht vielmehr
darum, aus der Masse kleinerer Vermessungen von der
Art, wie sie inzwischen wohl allgemein für Architekten
üblich wurden, die besonderen Antikenstudien dieses
Kreises herauszuheben und ihren Charakter zu be-
schreiben.

Zunächst sammeln wir jedoch Daten zur Überlieferung
und Geschichte dieser Antikenstudien und begründen
dann, warum hier überhaupt die Sangallo gemeinsam mit
Peruzzi behandelt werden. Das Konvolut der eigenhändi-
gen Antikenstudien der Sangallo und Peruzzis ist viel
disparater und umfangreicher als die Werke der Meister,
denen die vorigen Kapitel gewidmet sind. Es wird zum
größten Teil, die Bauaufnahmen annähernd vollständig,
in den Uffizien in Florenz bewahrt. Hinzu kommen be-
sonders eine bedeutende Zeichnung Peruzzis in Ferrara5,
Zeichnungen Giovanni Francesco da Sangallos in Lissa-
bon6, Antonio da Sangallos Vorwort zu einer „Vitruv-

4 a Peruzzis Zeichnungen jetzt vollständig publiziert bei Wurm 1984.

5 Ferrara, Bibl. Comunale Ms. Cl. I, n. 217. Burns, loc. cit. Nicht
von Peruzzi stammen dagegen, wie Burns, op. cit., 248, Anm. 10,
bemerkt, die von J.B. Shaw (Drawings by old masters at Christ
Cburcb Oxford. Oxford 1976, Kat.Nr. 360s.) publizierten Zeich-
nungen und das Skizzenbuch S IV 7 der Bibl. Comunale in Siena.
Frommel 1967/68, 151s.

6 Lissabon, Mus. Naz. Arte Antica, Inv. Nr. 1713, 1713c. Budden-
sieg, loc. cit., Abb. 4, 16.
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