Hartlaub, Gustav Friedrich
Der Stein der Weisen: Wesen und Bildwelt der Alchemie — München, 1959

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Das eigentliche Altertum der frühen Ägypter und der klassischen Grie- Anfänge
chen dürfte im ganzen mehr einer angewandten Chemie sich bedient haben
(Färbungen zum Beispiel spielten eine große Rolle), Chemie auf natur-
naher empirischer Stufe. Ein eigentliches Destillieren in geschlossenen Be-
hältern scheint sich erst im späten griechisch-ägyptischen Zeitalter ent-
wickelt zu haben. Zwar sind die naturphilosophischen Grundlagen, an
denen die Alchemisten so lange festgehalten haben, teilweise älteren
Ursprungs. Man hat die Alchemie als Naturanschauung eine Tochter
der griechischen genannt: der ältesten vorsokratischen Naturphilosophie
insbesondere, aus der etwa die Idee der prima materia oder die Lehre von
den >vier Elementen< (unseren Aggregatzuständen entsprechend) stammt.
Die Vorstellung der Verwandelbarkeit und eines entsprechenden >Auf-
stiegs< der Materie war aber bei den alten Joniern nicht zu finden, wie sie
auch später bei Aristoteles nicht vorkommt. Erst in den frühen Jahrhun-
derten des Christentums, als zugleich die gnostisch-heidnischen Kosmo-
gonien sich ausbreiteten, der Neuplatonismus und Neupythagoräismus
von sich reden machte, war - im Gegensatz zur älteren Astrologie - die
Stunde der Alchemie gekommen. Ihre >Philosophen< scheinen sich, ge-
mäß einer damals um sich greifenden >ägyptosophischen< Schwärmerei,
besonders auf die Mysterien und Offenbarungen des Nillandes berufen zu
haben: der Schreibergott Thot, später mit dem griechischen Hermes, ur-
sprünglich einem Zauberdämon, gleichgesetzt, galt mit den ihm zuge-
schriebenen >hermetischen< Schriften als die älteste Autorität. Wir erfah-
ren von Tempellaboratorien und dort gefundenen Gerätschaften, von
Praktiken des Färbens, auch des Fälschens von Stoffen. Das griechische
Wort chemeia (lateinisch chimia) wird gern auf ägyptische Wurzeln zu-
rückgeführt; bei den Arabern trat später der Artikel al hinzu. Doch war
die spätantike >Chemie< selbst schon mit Wunderglauben und mythischen
Vorstellungen verknüpft. Zosimos (5. Jahrhundert nach Chr.), einer der
meistzitierten Autoren der spätgriechischen (frühbyzantinischen) Alche-
mie, zitiert seinerseits eine weit ältere >Fachgenossin<: Maria Judaea, die
ihre geheime Wissenschaft nur dem Hebräervolke vorbehalten wollte und
auf Moses zurückführte. Bei ihr - sie ist nicht die einzige Frau unter den
Vertretern der >Königlichen Kunst< - taucht bereits schon der >Stein< auf.
Als später die Araber mit dem ganzen Wissensschatz der antiken For-
schung des Abendlandes auch die Chemeia übernahmen, mag der Traum
vom Stein der Weisen - in einem geistigen Klima, wo auch Aladins Wun-

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