Hartlaub, Gustav Friedrich
Der Stein der Weisen: Wesen und Bildwelt der Alchemie — München, 1959

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Nikolaus Flamellus, eigentlich Nicolas Flamel, hat in der Reihe fran- nach K. Ch. Schmieder,
zösischer Alchemisten den meisten Ruf erlangt, weil er ihn verlangte und Geschichte der
sich selbst als Adepten zu erkennen gab. Er ward 1330 zu Pontoise ge- ■A-lchsmie> lS32
boren und lebte in Paris als Schreiber. Nebenbei beschäftigte er sich
mit Mathematik und schönen Künsten.

Im Jahre 1357, so lautet die Erzählung, kaufte er um zwei Gülden eine
Handschrift, welche auf Baumrinde geschrieben war. Die fremdartigen
Schriftzeichen verstand er nicht; aber hineingezeichnete Bilder schienen
theils alchemistische Geräthe und Operationen darzustellen, theils Ge-
heimnisse hieroglyphisch anzudeuten. Nachdem er sich lange vergeblich
bemüht hatte, die Schrift zu entziffern, reisete er im Jahre 1378 nach
Spanien, um bei den dortigen Gelehrten Aufschluß zu erhalten.
Nach vielen vergeblichen Nachfragen fand er endlich in San Yago de
Compostella einen gelehrten Arzt, der ein getaufter Jude, und als solcher
im Stande war, die Schrift zu lesen. Es fand sich nun, daß sie von einem
Juden Abraham herrühre, welcher seinen bedrückten Glaubensgenossen
damit ein Manna in der Wüste spenden wollte, daß er ihnen die Bereitung
des Steins der Weisen in einer nur unter den Juden bekannten Schrift mit-
theilte. Flamel verstand nun auch die Bilder des Rindenkodex. Dessen froh
kehrte er 1379 nach Paris zurück, und schritt daselbst zur Ausarbeitung
des beschriebenen Processes, der ihm so wol gelang, daß er nach drei
Jahren seinen Zweck vollkommen erreichte. Am 17. Januar 1382 ver-
wandelte er zum ersten Mal Quecksilber in Silber, und am 25. April des-
selben Jahres tingirte er zweimal dasselbe Metall in Gold.
Die Wiederholung der Projektion erwarb ihm ein Vermögen von andert-
halb Millionen Livres. Dem ungeachtet wohnte er mit seiner Gattin
Petronelle in einem kleinen Hause und lebte höchst einfach. Da sie ohne
Kinder waren, so verwendeten sie den größten Theil ihres Vermögens zu

milden Stiftungen. Flamel stiftete vierzehn Hospitäler, baute drei Kapellen Merkzeichen aus

von Grund aus um und erneuerte sieben Kirchen. der Alchemie des

Flamel's Testament ist vom Jahre 1402; und 1413 wird ungewiß als das 17.-18. Jahrhunderts

Jahr seines Todes angenommen. Leichtgläubige haben sich das lächer-
liche Märchen aufheften lassen, daß der große Flamel kraft seiner Pana-
cee nicht in Paris gestorben, sondern nach Austheilung seines Vermö-
gens ausgewandert und mit seiner guten Petronelle noch 1700 in Ost-
indien gesehen worden sei.

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