Historisch-Philosophischer Verein <Heidelberg> [Editor]
Neue Heidelberger Jahrbücher — 3.1893

Page: 135
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Adam in der Staatslehre.

"Vortrag gehalten im historisch-philosophischen Verein zu Heidelberg

von

Georg Jellinek.

Adam in der Staatslehre — dieser Titel ist auf den ersten Anblick
geeignet, Staunen und bedenkliches Kopfscbütteln hervorzurufen und
die unwillige Frage nahe zu legen, welche Paradoxie und Pikanterie
sich unter ihm verberge. Es sei nun gleich gesagt, dass dieser Titel
den Inhalt vollkommen deckt, dass es mir voller Ernst ist mit der Be-
antwortung der Frage, welche Polle der biblische Adam in den staats-
wissenschaftlichen Lehren des Mittelalters und der Neuzeit gespielt und
welche bleibenden Spuren diese Gestalt in der Staatslehre einerseits, in
dem Bau der modernen Staaten andererseits hinterlassen habe. Ja, ich
kann sogar meine Verwunderung darüber nicht unterdrücken, dass das,
was ich im Folgenden darzulegen gedenke, nicht längst schon aus ein-
heitlichem Gesichtspunkt zusammengefasst worden ist, ein Beweis dafür,
dass die Geschichte der Staatswissenschaften und speziell die der Grund-
lage aller Staatswissenschaften, der Staatslehre, noch lange nicht ge-
nügend bearbeitet worden ist.

Der Zusammenhang zwischen dem Adam und der Staatswissenschaft
erscheint fast möchte ich sagen selbstverständlich, wenn man erwägt,
dass die Ansichten einer Zeit vom Staate wesentlich bedingt sind von
ihrer Ansicht vom Menschen und diese hinwieder innig zusammenhängt
mit ihrer Anschauung vom Ursprung des menschlichen Geschlechtes.
Viele Jahrhunderte lang hat nun die biblische Erzählung vom ersten
Menschen und seinen Schicksalen die nicht zu bezweifelnde und über
jede Kritik erhabene Lehre von der Entstehung unserer Gattung ge-
bildet. Lange Zeit hindurch musste sie daher auf die Grundanschauungen
vom Staate einen bestimmenden Einfluss ausüben. Denn die Staatslehre
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