Historisch-Philosophischer Verein <Heidelberg> [Editor]
Neue Heidelberger Jahrbücher — 3.1893

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Das Jaufner Liederbuch.

Herausgegeben von

Max Freilierrn von Waldberg.

Colligite quae superaverunt
fragmenta, ne pereant.

Joh. 6. 12.

Tn die dunkle Entstehungsgeschichte des neuhochdeutschen volks-
tümlichen Liedes hat die Forschung der letzten Jahre manches Licht
gebracht. Der Umstand, dass während des dreissigjährigen „blutleckenden“
Krieges und der darauf folgenden Epoche geistiger Erschlaffung, in den
Wirren der Zeit und durch vornehme Nichtachtung aller volkstümlichen
Poesie, fast alle Volkslieder des siebzehnten Jahrhunderts verloren ge-
gangen sind, hatte eine Zeit lang selbst Berufene und Kenner in der Meinung
bestärkt, dass das deutsche Volkslied, das im Zeitalter der Reformation
so herrliche Blüten gezeitigt hatte, im darauf folgenden gänzlich zu
Grunde gegangen sei. Emsiges Spüren und glückliche Funde haben aber
allmählich doch so viel scheinbar untergegangenes Material herbeige-
schafft, dass man jetzt mit Sicherheit nicht nur den Nachweis einer
reichen Existenz älterer Volkslieder für jene Tage führen, sondern auch
die Entwicklung der damals neu entstandenen deutlich verfolgen kann.
Das Ergebnis dieser Untersuchungen lässt sich kurz dahin zusammen-
fassen, dass erstens noch im siebzehnten Jahrhundert das ältere deutsche
Volkslied munter fortgelebt hat1), und dann dass das neuentstandene
volkstümliche Lied jener Zeit sich im wesentlichen aus den Elementen des
älteren Volks- und des jüngeren Kunstliedes zusammensetze, eine Misch-
ung, die man jetzt mit dem Ausdrucke „Gesellschaftslied“ zu bezeichnen

1) Yrgl. meine Ausgabe des „Venus-Gärtlein“, Halle 1890 S. III ff.
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