Historisch-Philosophischer Verein <Heidelberg> [Editor]
Neue Heidelberger Jahrbücher — 12.1903

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Kaiser Heinrich Y1L1)

Yon

Alexander Cartellleri.

Betrachtet man die politische Lage, in die Heinrich von Lützel-
burg als deutscher König und römischer Kaiser eintrat, so ist das Über-
gewicht Frankreichs in den allgemeinen Verhältnissen der Christenheit
entscheidend. Woher stammt dieses Übergewicht? Naturgemäss nur
daher, dass Frankreich die Stelle eingenommen hat, die das sinkende
deutsche Reich frei zu lassen genötigt wurde. Die Kapetinger haben
die Erbschaft der Staufer übernommen. Denken wir an Philipp II.
August, dem in seinen jungen Jahren die gewaltige Persönlichkeit Karls
des Grossen vor der Seele stand, an die folgenreiche Niederlage des deut-
schen Reichsheeres bei Bouvines, an die umfassende Wirksamkeit Karls
von Anjou. Der Untergang der letzten Staufer in Apulien schuf Raum
für eine andere vorherrschende Dynastie und die innere Zerrissenheit
Deutschlands schuf Raum für ein anderes vorherrschendes Land. Deutsch-
land, der Zwietracht der Stände ausgeliefert, kam als Gesamtpersönlich-
keit in der auswärtigen Politik nicht mehr in Frage. Noch wagte man
nicht, es unmittelbar anzugreifen, aber es besass selbst keine Angriffs-
kraft mehr nach aussen. Es gab fortan keine deutsche Reichspolitik,
sondern nur Politik der einzelnen Erzbischöfe, Bischöfe und Fürsten.

Die leitende Persönlichkeit am Ende des 13. und Anfang des 14. Jahr-
hunderts ist zweifellos König Philipp IV. von Frankreich, genannt der
Schöne. Kann es gelingen, uns diesen Mann, der Jahre lang im Vorder-

1) Für den folgenden Versuch habe ich die neueren Schriften über Heinrich VII.
und seine Zeit (Assmann-Viereck, Felsberg, Funck-Brentano, Gregorovius, Holtz-
mann, Hüffer, Israel, Kraussold, Lindner, Loserth, Masslow, Pöhlmann, Sommerfeldt)
nach Möglichkeit benutzt und geprüft. Einer tieferen politischen Auffassung haben
vor allein Fournier, Langlois und Wenck vorgearbeitet.
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