Hildebrand, Adolf von
Das Problem der Form in der bildenden Kunst — Strassburg, 1893

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VI.

Die Form als Funktionsausdruck.

Wir haben in den früheren Kapiteln die Er-
scheinung als Ausdruck unserer räumlichen
Vorstellung von der Natur klargelegt.

Wir gingen von der menschlichen Fähigkeit
aus, dem optischen Bild die räumliche Be-
schaffenheit der Natur abzulesen. Wir be-
zeichnen dies schlechthin mit Sehen, in derselben
Weise, wie wir sagen, dass das Kind erst dann
lesen kann, wenn sich beim Ansehen der Buch-
staben die Vorstellung des lebendigen Wortes
einstellt. Die künstlerische Darstellung formt
sich alsdann als eine Erscheinung, die als les-
barste erkannt wurde, und die den räumlichen
Inhalt zu diesem Zweck anordnet. Das Erste,
was wir aus der Erscheinung lesen, ist
Raum und Form, und die Vorstellung des
Raumes oder der Form habe ich deshalb als
die elementarste und notwendigste zuerst be-
handelt. Die Vorstellungen, die sich nun wieder
auf die Form selbst beziehen, insofern wir die
Form als Wirkung einer Ursache ansehen,
sind für die bildende Kunst Vorstellungen zweiter
Ordnung. Es sind dies erstens die Vorstellungen
des materiellen Stoffes, soweit dieser die Form
bedingt; letztere wird dann zum Ausdruck der
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