Hiller von Gaertringen, Friedrich; Wilski, Paul; Hiller von Gaertringen, Friedrich [Hrsg.]
Thera: Untersuchungen, Vermessungen und Ausgrabungen in den Jahren 1895 - 1902 (Band 3): Stadtgeschichte von Thera — Berlin, 1904

Seite: 83
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Fig. 69. Die Halbinsel Akrotiri, Nea- und Paläa-Kaymeni nach Sonnenuntergang.

In der Feme Askania und Eschati.

DRITTES KAPITEL

DIE ZEIT DER PTOLEMAEERMACHT
ETWA 300—145 VOR CHR.

Die Bedeutung von Thera für die Geschichte der großen Welt schien mit dem Aus- Weltgeschichte

ö ° und Ivultur-

gange des VI. Jahrhunderts, ja, wenn man will, mit der Gründung von Kyrene erschöpft. Was s««*"*'6
übrig blieb, sollte jeder meinen, hatte nur noch ein gewisses kulturhistorisches Interesse, als
Geschichte einer der geringsten, abgelegensten und in der Entwickelung zurückgebliebensten
unter vielen Dutzenden von griechischen Kleinstädten. Freilich tritt heutzutage diese kultur-
geschichtliche Betrachtungsweise mehr und mehr in ihre Rechte ein; aber gab es nicht auch
hierfür weit dankbarere Orte mit glänzenden Bauten und Kunstwerken, denen man mit dem
gleichen Aufwand von Mühe ganz andere Funde und Ergebnisse abgewonnen haben würde?
Nun, ich will dem, der so denkt, auch heute noch seinen Standpunkt nicht streitig machen.
Immerhin hat die Arbeit in Thera gerade für die hellenistische Periode auch außer kultur-
historischen Einzelheiten etwas ergeben, worauf man von vornherein nicht rechnen konnte:
einen Beitrag zur Geschichte und Kultur des Lagidenreiches, von den Zeiten des ersten bis
zu denen des sechsten Ptolemaios. Thera ist länger als andere griechische Städte im ägyptischen
Machtkreise geblieben. Das anziehendste Problem in der Entwickelung von etwa anderthalb
Jahrhunderten liegt darin, zu sondern, wie weit dieses alte dorische Gemeinwesen den Einflüssen
des ptolemäischen Hellenismus Raum gegeben, worin es an der ererbten Eigenart festge-
halten hat.

Die Ereignisse der Weltgeschichte brauchen uns diesmal weniger zu kümmern, da
gerade in den letzten Jahren durch die Arbeit tüchtiger Forscher von vielen Seiten Licht in
die dunkle Zeit des III. Jahrhunderts v. Chr. gefallen ist. Das Ringen zwischen der* make-
donischen Dynastie, die in einzelnen glücklichen Seeschlachten im Aegäischen Meere nach Süden
und Südosten vordrang und am Ausgange des Jahrhunderts auf einem gewissen Höhepunkt
angelangt schien, um bald nachher der Uebermacht ihrer vereinigten Gegner, Rom, Pergamon
und Rhodos, zu erliegen, hat für Thera keine Bedeutung. Auch das Aufblühen und Sinken
der rhodischen Seemacht streifte nur eben in einer fast zufälligen Berührung die Insel.

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