Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien> [Editor]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 36.1923-1925

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EIN STILLEBEN DES BUECKELAER

ODER

BETRACHTUNGEN ÜBER DIE ENTSTEHUNG DER NEU*
ZEITIGEN KABINETTMALEREI

VON

MAX DVORAK.'
I. Das Problem.

Aus dem Kunsthandel gelangte in den letzten Jahren in den Kölner Privatbesitz ein
merkwürdiges Bild von Joachim Bueckelaer (Abb. 1). Es ist signiert und 1563 datiert, stellt
ein geschlachtetes Schwein dar und ist ein Meisterwerk ersten Ranges.

Bueckelaer wird gewöhnlich nicht zu den Sternen erster Größe aut dem Himmel der
alten Malerei gezählt. Ein Schüler des Pieter Aertszen, erweckte er bisher weniger Interesse als
sein Lehrer, sicher mit Unrecht, wie uns klar werden dürfte, wenn wir die Eigentümlichkeiten
und Vorzüge seiner Kunst und sein Verhältnis zu Aertszen etwas näher betrachten. Doch dies
wollen wir auf einen späteren Zeitpunkt dieser Erörterung verschieben. Was uns zunächst
interessiert, ist der Darstellungsstoff, der Rembrandts ähnliche Gemälde fast um hundert Jahre
vorwegnimmt, so daß wir Bueckelaers Bild zu den ältesten gemalten Stilleben der Neuzeit
zählen müssen.

Diese letzte Behauptung könnte Bedenken erwecken. Gab es nicht auch in der voran*
gehenden Kunst zahlreiche Stillebendarstellungen? Man denke nur an den bereits erwähnten
Aertszen, an Dürers und Cranachs Aquarelle und an Barbaris Bild, an die Geldwechsler* und
Eligiusdarstellungen, die sich bis Petrus Christus zurückverfolgen lassen, an Jan van Eyck und
weiter zurück an die Randleisten spätgotischer Handschriften oder an manche Motive in der
plastischen Ausschmückung der gotischen Kathedralen.

Der Lebensnerv der Kunstgeschichte ist die Unterscheidung.

Es gibt kaum ein Gebiet der bildlichen Darstellung, dessen Anfänge sich nicht in Urzeiten
verlieren würden, und so könnte man selbstverständlich auch die Stillebenmalerei bis in die
ältesten Kulturen zurückverfolgen. Doch nicht mit solchen weitsichtigen, in der Regel allzuweit*
sichtigen ikonographischen Zusammenhängen wollen wir uns beschäftigen, sondern mit der Ent*
stehung der für die Neuzeit bis in die Gegenwart charakteristische^! künstlerischen Auffassung
des Stillebens, die darin besteht, daß Stillebenmotive zu vollkommen selbständigen, in sich
geschlossenen Kompositionen verarbeitet und als solche in der künstlerischen Wertung der
Figurenmalerei vollkommen gleichgestellt wurden. Wer würde daran zweifeln, daß ein «Küchen*
stück» von Chardin nicht weniger Beachtung verdient als Watteaus Schäferszenen oder Pozzos
Deckengemälde, daß Manets oder Cezannes Blumendarstellungen ebenso wertvoll sind wie die
figuralen Bilder dieser Meister. Dasselbe gilt für die Landschaft und für das Sittenbild, die
nicht nur zum gleichen Range wie die Historienmalerei gelangten sondern darüber hinaus eine
ausschlaggebende Bedeutung für die Entwicklung des malerischen Stiles gewonnen haben.

1 Anmerkung des Herausgebers: Diese fragmentarische Arbeit Max Dvoräks, die zur Haltte nur in erster
Niederschritt vorliegt, stammt aus dem Nachlasse des verstorbenen Gelehrten und war ursprünglich als Konzept zu
einem Vortrag geplant, über welchen Rahmen sie allerdings weit hinausgewachsen ist.

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