Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien> [Editor]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 36.1923-1925

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CAMILLO LIST.

Geboren am 18. Juli 1867, gestorben am 25. März 1924.

A m 25. März 1924 ist Hofrat Dr. Camillo List, Direktor der Waffensammlung i. P., nach
langem, qualvollen Leiden auf seinem schönen Landsitze in Mödling bei Wien gestorben. Nur
wer ihn näher kannte, weiß, was seine Freunde und Kollegen an ihm verloren haben. Aber
nicht nur für seine Freunde, sondern auch für unser Haus ist der durch seinen Tod eingetretene
Verlust ein sehr schwerer; denn bei mancher Beratung über ein schwierig zu bestimmendes
Objekt war er es, der mit seinem sicheren Blick, seinen technischen Kenntnissen und seiner
großen Erfahrung hilfreich beisprang und sehr oft das ausschlaggebende Urteil abgab. Auch in
seinem engeren Wissenszweige, dem der historischen Waffenkunde, ist durch seinen Tod eine
schwer auszufüllende Lücke in der so kleinen Reihe von Kennern entstanden; denn wenn er
auch auf diesem Gebiete verhältnismäßig wenig veröffentlicht hat, so war er doch einer der
bedeutendsten Kenner, der geborene Museumsmann mit einem umfassenden praktischen und theo*
retischen Wissen und nur wer so wie der Schreiber dieser Zeilen unter seiner Anleitung und
mit ihm arbeiten durfte, wird sein unglaubliches Wissen und Können voll zu würdigen vermögen.

Camillo List wurde als der Sohn des Kassendirektors der Kreditanstalt Louis List am 18. Juli
1867 in Wien geboren. Sein Vater, der erst im Jahre 1922 hoch betagt gestorben ist, wollte in seiner
Jugend Maler werden, war aber durch die Macht der Verhältnisse dazu gezwungen, den Beruf
eines Bankbeamten zu ergreifen. Trotzdem drängte ihn sein ausgesprochen künstlerischer Sinn
wenn schon nicht zu produktiver künstlerischer Betätigung, so doch, wie es ihm seine finanzielle
Lage gestattete, zu einer eifrigen Sammeltätigkeit, zur Unterstützung ausübender Künstler, ins*
besondere von Kunstgewerblern, und zu einer eifrigen und tätigen Anteilnahme an den Bestre*
bungen des «Altertumsvereines», dessen rastloses Mitglied er war. Dabei war er Wiener mit Herz
und Seele, ein überzeugter Lokalpatriot und ein ausgezeichneter Kenner seiner über alles geliebten
Vaterstadt.

In diesem Milieu und unter dem Vorbilde dieser künstlerischen und kunstgeschichtlichen
Neigungen wuchs Camillo List heran und sein ganzes Sinnen und Trachten, da ja die Eindrücke
der Jugend für das ganze Leben ausschlaggebend sind, wurde unwillkürlich auf seinen zukünftigen
Beruf hingelenkt. Auch die Liebe für Wien, seine Geschichte und Kunst, überhaupt alles, was
mit Wien näher zusammenhängt, wurde ihm schon im zartesten Alter eingeimpft und von seinem
Vater vererbt.

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