Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien> [Editor]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 36.1923-1925

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DAS GROSSE MAJESTÄTSSIEGEL
KAISER MAXIMILIANS I.

VON

ERNST KRIS.

Unter den Siegeln Kaiser Maximilians I., über die in neuerer Zeit die Monumentalpublikation
Otto Posses Überblick gewährt, fällt durch bedeutende Größe und Reichtum des künstlerischen
Schmuckes ein Siegelabdruck auf, der in einem einzigen Exemplar im Hausarchiv zu Charlotten*
bürg erhalten ist1 (Abb. 1).

Das Siegelbild zeigt den Kaiser im Krönungsornat auf dem Throne sitzend; in der Linken
hält er das Szepter; das lockenumrahmte Haupt trägt die Kaiserkrone. Die Züge des Kaisers
sind höchst porträtähnlich, ein wenig starr und unbewegt — das Antlitz, dessen Profil die
schrullige Genialität des Mannes ahnen läßt, verliert von vorne gesehen an Reiz —, doch weich
und sorgsam modelliert. Der Thronsessel, den ein Baldachin krönt, ist von Wappenschildern
umgeben. Zu Häupten des Kaisers halten zwei über Seitenbaldachine geneigte Engel das Wappen
von Ungarn mit der Krone (rechts) und den österreichischen Bindenschild (links). Auf der
rechten Seite folgen die Wappen von Burgund, Steiermark und, zu Füßen des Kaisers, das
Wappen von Kärnten, auf der linken Seite das Habsburger Hauswappen mit dem Löwen, das
Wappen von Tirol und der Löwe von Luxemburg. -

Die sphragistische Literatur hat das vorliegende Siegel höchst widersprechend beurteilt.
Heffner,2 der die Kaiser* und Königssiegel als erster sammelte, hielt es für das schönste der
ganzen Reihe der Kaisersiegel, sowohl was die Ausführung der Gewänder als auch der Orna*
mentik betrifft, und für das Werk eines «vollendeten Künstlers», den er in Nürnberg zu suchen
geneigt war. Posse dagegen bezweifelt — freilich ohne stichhältige Gründe anzugeben — die
Echtheit.3

Diesen Widerspruch der Meinungen vermögen wir zu lösen, wenn wir die stilistische
Einreihung des Siegelabdruckes versuchen. Einzelheiten in Faktur und Formensprache weisen
uns den Weg: Man achte darauf, wie das Gewand scharf brüchig gefältelt ist, wie die architek*
tonischen Glieder profiliert, die Umrandungslinien eingeritzt, die Haare des Kaisers, auf allen
anderen Bildnissen strähnig und glatt, hier in zierliche Löckchen gewellt sind; man achte der liebe*
vollen Aufmerksamkeit, mit der an Krone und Mantelschließe, an Gewandsäumen und Reichs*
insignien die ornamentale Gliederung in Metall und Edelgestein wiedergegeben ist. Das kann
nur ein Goldschmied geschnitten haben.

Unter den Werken der spätgotischen Goldschmiedekunst findet sich eines, das in mehr*
facher Beziehung unserem Siegel verwandt ist: der Deckel des Reichsevangeliars in der Schatz*
kammer zu Wien4 (Abb. 2). Die Gestalt des sitzenden Heilands, der das geschlossene liber
vitae ans Knie stützt, klingt an die des thronenden Kaisers an. Vor allem die Drapierung der
Gewänder, die in breiten Stufenfalten die Knie umhüllen und zwischen den Füßen des Kaisers

1 Die Siegel der deutschen Könige und Kaiser usw. (Dresden 1912 ff), Bd. III, Taf. VI/4; Bd. V, S. 56.

2 Carl Heffner, Die deutschen Kaiser» und Königssiegel usw., 1875, Taf. XVIII/121, S. 30, Nr. 147.

3 Diese Annahme ließ sich aus der Herkunft des Siegels nicht widerlegen; denn der Abdruck gelangte als
Schenkung am Anfang des XIX. Jahrhunderts in das Charlottenburger Archiv.

4 Julius Schlosser, Die Schatzkammer des allerhöchsten Kaiserhauses, Wien 1918, T. 3.

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