Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien> [Editor]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 36.1923-1925

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VORLAGEN
DER WERKSTÄTTE DES LUCIO PICCININO

VON

AUGUST GROSZ.

Wenn man Prunkharnische des XVI. Jahrhunderts betrachtet, bewundert man vor allem die
technisch meisterhafte Beherrschung und Behandlung des so schwer zu bearbeitenden Materiales
— des Eisens —, zwei Momente, die gleichzeitig von einem ungemein feinen, künstlerischen
Empfinden ihrer Meister sprechen.

Hier steht eine geätzte Rüstung von hervorragender Schönheit der struktiven Linien und
feiner Wirkung der zarten Flachreliefs der Hochätzung, die zwischen der geschwärzten oder
vergoldeten Grund* und der silbrig schimmernden Bildfläche eingeschlossen sind. Die genannte
Technik ist eine Art der Metallverzierung, die mit ihren klar umrissenen Linien als dem Form*
empfinden der Frührenaissance entsprechend mit Freude aufgegriffen wurde und reichlich in
Verwendung kam.

Dort sehen wir eine reichgetriebene, teilweise vergoldete und tauschierte Rüstung, die ganz
mit hoch herausgearbeiteten Reliefs bedeckt ist. Diese technische Behandlung des Metalles ent*
spricht mit den gewaltig modellierten, schwer schattenden Hochreliefs und ihrem Prunke voll*
kommen dem geänderten, jetzt malerischen, nicht mehr zeichnerischen Formempfinden der
Hochrenaissance; sie lehnt sich auch in der Ausschmückung der Waffe an die Spätantike an1
und nimmt ihren Ausgang von Italien. Darunter finden sich Arbeiten, die in ihrer meisterhaften
Technik und Schönheit der Details den besten Arbeiten der Goldschmiedekunst an die Seite
gestellt werden können. Ja manche übertreffen beinahe diese, wie etwa der Prunkharnisch des
Kaisers Rudolf II. im Wiener Museum (Saal XXXII, Nr. 706), der vielleicht der schönste ge*
triebene Harnisch überhaupt ist.

Nach der Bewunderung der technischen Meisterleistung ergibt sich für uns die Frage nach
den künstlerischen Vorlagen dieser Stücke. Woher nahmen die Meister die Vorwürfe für diese
reichen figürlichen und ornamentalen Kompositionen?

Es können hier vier Fälle eintreten:

1. Der Waffenschmied ist sowohl konzeptionell als auch technisch ein gleich hervorragender
Künstler und schafft daher den Entwurf für seine Arbeit selbst.

2. Dem technisch hervorragenden Waffenschmiede wird vom Besteller eine von einem
Künstler — meist dem Hofmaler des betreffenden Herrn — entworfene Zeichnung übergeben
oder der Meister läßt sich selbst von einem Künstler eine Vorlage entwerfen, nach der er dann
unter Berücksichtigung der technischen Momente seine Arbeit schafft.

3. Künstler, meist Zeichner oder Kupferstecher, schaffen direkte Vorlagestiche für Waffen,
die als dekoratives Material fertig dem Waffenschmiede vorliegen.

4. Der Waffenschmied verwendet als Vorlagen gleichzeitige Stiche, die nicht besonders
für diese Zwecke geschaffen sind und die ihm entweder vom Besteller vorgelegt werden oder
die er selbst aus einem größeren Stichmaterial, das in der Werkstätte vorliegt, auswählt, um

1 S. h. den Panzer der Statue des Augustus von Primaporta im Vatikan und die Waffenstücke der Gladiatoren
im Museum zu Neapel.

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