Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien> [Editor]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 36.1923-1925

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VERGESSENE BILDNISSE DER ERZHERZOGIN
JOHANNA, PRINZESSIN VON PORTUGAL.

VON

ERNST KRIS.

Die Gemmensammlung des Wiener Kunsthistorischen Museums bewahrt einen prächtigen
weißen Onyxcameo auf durchscheinendem Grund mit dem Bildnis einer noch jugendlichen
Frau in hochgeschlossenem Gewände (Abb. 1) r. Zu den feingeschnittenen Zügen des kränklichen
Antlitzes, das über einer schmalen Halskrause sichtbar wird, zu dem müden Blick, aus dem
scharfe Beobachtungsgabe, doch auch mangelnde Lebensfreude zu sprechen scheint, stimmt die
einfache Tracht, der die tief in die Stirne reichende Witwenhaube einen düsteren Anstrich leiht.

Der Stein ruht in einer schmalen Goldkapsel, die achsial durch Volutenornamente, diagonal
durch vorspringende blaue Plättchen geschmückt wird. Die durch blaue, weiße und rote Emaib
lierung betonten eigenwilligen Formen dieses Rahmenwerks ermöglichen die stilistische Ein*
reihung; es entstammt der Zeit um 1600 und, wie wir aus der Ähnlichkeit mit zahlreichen
Kameenfassungen der Wiener Sammlung schließen dürfen, einer der Goldschmiedewerkstätten,
die für Kaiser Rudolf II. tätig waren.

Das durch den einprägsamen physiognomischen Eindruck geweckte Interesse an der Person*
lichkeit der Dargestellten wird durch eine schwarzemaillierte Inschrift auf der Rückseite der
Fassung (Abb. 2) zunächst in falsche Bahnen gelenkt. Die Inschrift lautet: MRA. | CAROLE V. |
FILIA. | MAXIM. II. | IMPERATOR | CONIVNX. ] MDLXVI. Daß es sich indessen nicht
um Maria, die Gemahlin Maximilians IL, handeln kann, wird nicht allein durch die Überlegung
wahrscheinlich gemacht, daß die Kaiserin im Jahre 1566, zehn Jahre vor dem Tode ihres Gemahls,
nicht in Witwentracht hätte dargestellt werden können; ausschlaggebend ist der ikonographische
Vergleich. Die nur entfernte Ähnlichkeit mit den Bildnissen der Fürstin ist erklärlich; denn
die Dargestellte ist die Schwester der Kaiserin, Johanna, die Tochter Karls V., die kaum siebzehn*
jährig dem Kronprinzen Don Juan von Portugal vermählt ward.

Über dem Leben der Prinzessin, dem Brantöme eine geistvolle Seite widmet, waltete ein
trübes Geschick. Ihr Gatte starb 1554 nach kaum einjähriger Ehe; die jugendliche, kränkliche
Frau — sie war ein wenig verwachsen — widmete sich nun vornehmlich der Erziehung ihres
nachgeborenen Sohnes, des späteren Königs Sebastian von Portugal, und der Fürsorge für den
ihrem Schutze anvertrauten unglücklichen Don Carlos, ihren Neffen. Die geistige Reife, die
Umsicht der jungen Fürstin erklärt es, daß ihr Karl V. und ihr Bruder Philipp II. in den
Jahren 1554—1556 die Regentschaft in Spanien übertrugen. An' dem tragischen Schicksal des
spanischen Kronprinzen scheint sie innigen Anteil genommen zu haben. Auf religiöse Stiftun*
gen eifrig bedacht, hat sie wiederholt den Eintritt in das von ihr gegründete Karmeliterkloster
der «Descalzas» in Madrid geplant. Ihre geschwächte Gesundheit hielt sie davon ab; sie starb
kaum siebenunddreißigjährig im Jahre 1573 im Escurial.

1 Vgl. Friedrich Kenner im Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen, Bd. IV, S. 16 ff., wo der Cameo sti-
listisch in den Kreis des Abondio gerückt, die Ausführung aber vermutungsweise Trezzo zugeschrieben wird. Diese
Bestimmung erschien so wenig begründet, daß Jean Babelon, dem ein ausführliches Buch über Trezzo zu danken
ist (Bibliotheque de l'Ecole des hautes etudes hispaniques, Fase. III, Paris 1922), sie unbeachtet ließ. Kenner hat
auch die im folgenden behandelte Medaille erwähnt, doch hielt er sie für nachträglich und falsch beschriftet.

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