Deutsches Archäologisches Institut [Editor]; Archäologisches Institut des Deutschen Reiches [Editor]
Jahrbuch des Deutschen Archäologischen Instituts: JdI — 25.1910

Page: 33
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/jdi1910/0043
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
WINDGÖTTER.
(Hierzu Tafel 3.)
I.
Die Behauptung von Joh. Heinr. Voss T), Homer denke sich die Winde ungc-
flügelt, bedarf keiner eingehenden Widerlegung. Ist es doch in der Natur des Windes nur
zu sehr begründet, seine Urheber geflügelt zu denken, zumal wenn wir uns die Vorstellung
der ältesten Zeiten vor Augen halten, nach der die Windgötter nicht die Erreger des
Windes sind, sondern selbst den Wind verkörpern. Wenn nun die griechische Kunst
andere Götter geflügelt darstellte, denen die Eigenschaft des Fliegens nicht in dem
Maße — man könnte sagen »nur zeitweise« — zukommt, wie den Winden, so wird eine
Beflügelung für die Winddämonen geradezu gefordert. Dazu drängen nicht nur die
zahllosen Epitheta von Homer an, sondern von Anfang an treten uns so die Dämonen
in der Kunst entgegen. So sehen wir den Vater der furchtbaren, Unheil bringenden
Winde auf einer chalkidischen Hydria2): sein dämonisches, erdgeborenes Wesen
gibt der Schlangenleib kund, und die großen Schulterflügel weisen auf das andere
ihm auch zugängliche Gebiet: die Luft; charakteristisch sind ferner die nach Art von
Pferdeohren gebildeten Ohren. Schon dieses Vasenbild hätte keinen Zweifel 3) auf-
kommen lassen sollen an der Bildung des Boreas an der Kypseloslade, auf der die
Szene des Raubes der Oreithyia allein durch die Inschriften unverkennbar war;
an der schlangenfüßigen Darstellung des Boreas ist also nicht zu zweifeln, zumal
Furtwängler 4) gezeigt hat, wie gerade die Verbindung dieser Attribute — Flügel und
Schlangenleib — in der Natur und dem Ursprung der Winde wohl begründet ist.
Ob in alten Zeiten daneben andere Mittel zur Charakterisierung angewandt sind, ob
die Winddämonen noch in anderer Weise dargestellt sind, das läßt sich mehr ver-
muten als strikte beweisen; ich denke hierbei vor allen Dingen an die häufig erwähnte
Verwandtschaft von Wind und Roß, so daß eine Bildung der Winde in der Form von
geflügelten Rossen wohl denkbar ist 5); in späterer Zeit kennen wir eine solche Vor-
stellung von dem pergamenischen Altar.

*) Mytholog. Briefe I 251, 266.
2) Furtwängler-Reichhold Taf. 32 unten; im Text
bezweifelt Furtwängler die Richtigkeit der Deu-
tung auf Typhon. Ähnlich ist der Typhon auf
einer Bronzeplatte vom Ptoion, hier im Kampfe
mit Zeus (Bull. corr. hell. XV 1892 pl. X). Nicht
Typhon, aber auch nicht Boreas (Revue des
etudes anciennes IX 1896, 335), sondern Poly-
phem zeigt das Felsrelief am Helikon (vgl. Furt-
wängler, Jahrbuch VI 1891, in). Boreas und
Typhon ferner auf der Situla von Daphnae.
Jahrbuch des archäologischen Instituts XXV.

3) z. B. Wernicke bei Pauly-Wissowa s. v. Boreas.
4) Ber. d. Münch. Akad. phil. Klasse 1905, 433 ff.
5) Beispiele dieser Verbindung: Rosse als Kinder
des Boreas H 241, Y 223 ff. Rosse als Söhne des
Zephyr Qu. Smyrn. VIII 155, auch Kallimachos
Frgm. 135, II. II 150, dazu Milchhöfer, Anfänge
der Kunst 57. Boreas in Rossegestalt vielleicht
auf einer attischen Vase der Züricher Sammlung,
vgl. meine Dissertation De ventorum descriptioni-
bus 7 Anm.; vgl. ferner die Rekonstruktion des
Akroterions in Delos: Arch. Ztg. XL 1882, 338.

3
loading ...