Deutsches Archäologisches Institut [Editor]; Archäologisches Institut des Deutschen Reiches [Editor]
Jahrbuch des Deutschen Archäologischen Instituts: JdI — 25.1910

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G. Habich, Ein neuer Steinschneider.

EIN NEUER STEINSCHNEIDER.

Die Reihe der Steinschneider hat sich seit Brunns zusammenfassender Be-

handlung (1859) stark gelichtet und ist in den 22 Jahren, seitdem in diesem Jahr-
buch (III 1888) Furtwängler die Gemmen mit Künstlernamen kritisch gesichtet,
nicht weiter vermehrt worden. Das (Abb. 1) nach der retouchierten Photographie
eines Abdruckes abgebildete Stück, das vor Jahresfrist vom Münchener Münz-
kabinett aus dem römischen Kunsthandel erworben wurde, bringt die Signatur
eines neuen Meisters, K e r d 0 n mit Namen.
Es ist eine durch ungewöhnliche Größe, Schärfe und gute Erhaltung aus-
gezeichnete antike Glaspaste von der gelblich braunen Farbe und der Transparenz
etwa einer Muskateller Weinbeere. Die Oberfläche ist stark konvex. Der größte
Durchmesser beträgt 25 mm.
Dargestellt ist Athena, stehend mit aufgestütztem rechten Fuß; die Linke
faßt hoch die Lanze, an der Hüfte ein langes Schwert. Der rechte Unterarm ruht


Abb. 1. Gemme
des Kerdon.

auf dem hochgesetzten Bein, so daß die Hand, von oben gesehen,
frei und lose herabhängt. Die Fußstütze ist kein gewachsener
Fels oder dergleichen, sondern architektonisch zugerichtet, ein
»cippus«. Daß man in der Tat Athena zu erkennen hat, nicht
etwa Roma, beweist die unter dem erhobenen Arm und an der
Schulter bemerkbare Aegis. Die Schlangenköpfe sind freilich
nur durch Punkte angedeutet. Ohne besondere Finesse zu
beanspruchen, ist der Schnitt klar und breit in der Anlage,
weich und lebendig in der Ausführung. Eine gewisse Stumpfheit
der Form ist auf Rechnung des Glasflusses zu setzen. Die Tiefe
des Schnitts entspricht dem großen Durchmesser.

Eine Replik unseres Stückes, ebenfalls eine Glaspaste, deren Verbleib un-
bekannt ist, hat Furtwängler im Gemmenwerk, Taf. XXVII 57, nach einem Abguß

publiziert. Sie scheint identisch mit der Paste —■ »a very fine engraving« —, die
sich bereits in dem alten Gemmenbuch von Raspe-Tassie (Taf. XXVI 1720) ver-
öffentlicht findet. Bei diesem Exemplar erscheint der Schnitt spitzer, dünner und
oberflächlicher; was aber unser Stück vor jenem besonders auszeichnet, ist die
Künstlersignatur. Sie steht im Feld vor der Figur in Kniehöhe, horizontal in zwei

Zeilen (Abb. 2):
έποει1)

Die ziemlich sorglos geschnittenen Lettern sind sehr klein und werden leicht
für Zufälligkeiten der porösen Oberfläche genommen, so daß sie auch geschulten
Augen bisher verborgen blieben. Die Charaktere sind die des reifen Hellenismus
und nähern sich bereits der Kursive. Das e hält noch die Mitte zwischen der eckigen
und der runden Form, beim Π ist die dritte Haste bedeutend kürzer als die erste,

Bei der Lesung hat Prof. Wolters mich freundlich unterstützt.
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