Deutsches Archäologisches Institut [Editor]; Archäologisches Institut des Deutschen Reiches [Editor]
Jahrbuch des Deutschen Archäologischen Instituts: JdI — 25.1910

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Μ. Mayer, Altapulische Terrakotten.

Komposition zugrunde liegende Idee ohne weiteres klar. Gleich dem Poseidon auf
dem Isthmus steht hier die Göttin mit vorgelehntem Oberkörper und aufmerksam
erhobenem Blick in die Weite spähend. Als Kriegsgöttin, doch nicht als die aktiv
eingreifende Promachos des heroischen Zeitalters ist sie gedacht, sondern — der
vorgeschrittenen Kriegskunst der Epoche entsprechend — eine weitblickende Stra-
tegin, hat sie auf erhöhtem Standort Posto gefaßt, sei es, um Fleerschau zu halten
oder die Entwicklung des Schlachtbildes aus der Ferne zu beobachten. Die Absicht,
zu dem Poseidon Isthmios ein Seitenstück zu schaffen, mag den Anstoß zu der statua-
rischen Schöpfung gegeben haben. Die nächste rundplastische Analogie dazu
bildet die als Melpomene ergänzte Gewandfigur aus Collection Westmacott (Clarac
506B, 1055A), doch war es mir im Augenblick nicht möglich, über Zustand und
Verbleib der Statue etwas Sicheres in Erfahrung zu bringen/).
München. Georg Habich.

ALTAPULISCHE TERRAKOTTEN.
Wenn von Terrakotten schlechthin die Rede ist, so läßt sich zwar schon an-
nehmen, daß nicht auf prähistorische Erzeugnisse hingedeutet werde, sondern auf
jene große Masse, an deren Spitze die archaisch-griechischen stehen. Doch hat das
Beiwort »alt« in Apulien seinen besonderen Sinn. Die geometrische Keramik Apu-
liens z.B ist alt, sogarrecht alt, dem Charakter nach und im Vergleich zu dem vorge-
schrittenen Zeitalter großgriechischer Kultur, das sie umgibt. Dieses Gepräge älterer,
wenigstens archaischer Kunstzustände tragen auch die spärlichen Sondererzeugnisse,
welche inmitten einer blühenden griechischen und italogriechischen Terrakotten-
produktion hie und da auftauchen. Es genügt nicht, sie als zurückgebliebene, auf
unvollkommener Stufe der Nachahmung stehen gebliebene zu betrachten, etwa wie
an vielen der großen Canosiner Grabgefäße des III. Jahrhunderts die angesetzten
Figuren, die mit andern Exemplaren, ja oft mit den großen klassischen Gesichtern
an demselben Gefäße nicht wetteifern können. Sondern sie wollen vielfach noch
etwas Eigenes, Apartes bieten, das keinen Anhalt im Griechischen findet. Abgesehen
von jenen naiv-rohen Gebilden, wie sie das eisenzeitliche Italien bis zum VI., ja V.
Jahrhundert überall hervorbringt und die auch in Apulien nicht gänzlich fehlen,
treten da allerhand merkwürdige Bildungen epichorischen Charakters auf, deren
Zeit nicht nach dem altertümlichen Aussehen abzuschätzen ist, vielfach mit der
Apulien eigentümlichen Mischung alter und junger Motive: es mag sein, daß sie dem
nur an Stilfragen Interessierten weniger sagen und weniger zu tun geben als dem,
welcher sie zu interpretieren hat und überall die Reste vorgriechischer, speziell vor-
klassischer Kultur in jenen Landen zu eruieren bemüht ist.

7) Für freundliche Bemühung in dieser Sache habe ich Mrs. E. Strong-Seilers sehr zu danken.
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