Deutsches Archäologisches Institut [Editor]; Archäologisches Institut des Deutschen Reiches [Editor]
Jahrbuch des Deutschen Archäologischen Instituts: JdI — 25.1910

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H. Steinmetz, Windgötter.

Die attische Literatur erwähnt in erster Linie zwei Windgötter: Boreas und
Zephyros, und mit ihr übereinstimmend zeigen die Monumente fast nur diese beiden,
auf allen bisher so gedeuteten Bildwerken klar unterschieden und charakterisiert:
Zephyros als den milden, schönen Jüngling, Boreas als den wilden, furchtbaren, bärti-
gen Mann. Eine Zusammenstellung der auf sie bezüglichen Bildwerke 6 *) ergibt, daß
sie auf diesen in den auch in der Literatur populären Mythen erscheinen: Boreas in
der Sage vom Raube der Oreithyia, Zephyros bei der Entführung des Hyakinthos
oder der Chloris. Charakterisiert sind sie da durch große Schulterflügel, zu denen
wohl Flügel an den Schläfen und Fußknöcheln 7) treten; bekleidet sind sie in der Regel
mit dem Chiton, der aber auch durch ein anderes Gewand ersetzt werden kann, wie
bei Boreas zur Bezeichnung seiner Herkunft durch einen langen, thrakischen Mantel8 *);
auch unbekleidet kommen sie vor. Streng durchgeführt scheint, soweit wir bisher
die Monumente deuten, die Bärtigkeit für Boreas, die Unbärtigkeit für Zephyros.
Diese Typik hat nun auch die Flastik übernommen, wie für Boreas wenigstens die
von Furtwängler rekonstruierte Akroteriengruppe in Delos zeigt 9).
Alle bisher besprochenen Darstellungen gehören dem Mythus an, auf ihnen
erscheinen die Winde als Götter oder Dämonen und als solche ■— abgesehen von jenen
ältesten Spuren tierischer Bildung — in Menschengestalt; die einzige Andeutung
ihres Machtgebietes liegt in der Beflügelung I0). Und so wird uns die Deutung in
erster Linie durch den Zusammenhang oder die Beischriften an die Hand gegeben:
die elementare Kraft des Wehens und Blasens ist dagegen nirgends zum Ausdruck
gebracht, und zwar deshalb, weil die Winde in den dargestellten Mythen gar nicht
hierdurch bemerkenswert sind, sondern durch das, was tiefer in ihrem innersten
Wesen wurzelt, wofür der Ausdruck aber nicht in Attributen gegeben werden konnte:
durch das Raffen und Rauben. Es ändert sich die Art der Darstellung, sobald die
Winde nicht so sehr als Dämonen, sondern vielmehr als Naturkräfte auftreten und
die Gewalt des blasenden Windes hervorgehoben werden soll; damit vollzieht sich
gewissermaßen ein Loslösen aus dem mythologischen Zusammenhänge; nicht mehr
Boreas und Zephyros sollen charakterisiert werden, sondern Nord-, Westwind usw.
Hierzu gehören aber die Flügel, die ja auch andern Göttern gegeben werden, allein
nicht mehr; es werden Attribute hinzugefügt, die die in der Körperhaltung liegenden
Ausdrucksmittel vervollständigen. Das erste Beispiel dieser Art bietet der Turm der
Winde in Athen; er steht gleichsam in der Mitte zwischen zwei Bildungsweisen;
wir finden nämlich für die Windgötter zwar die neuen Mittel der Charakterisierung
angewandt, andererseits aber steht der Annahme nichts entgegen, daß die Winde
hier noch als Götter, als Urheber der elementaren Gewalt gefaßt sind. Da auf diesem
Monument die einzelnen Winde charakterisiert werden sollen, was ist natürlicher,

6) Für Boreas verweise ich auf den Artikel bei 9) Arch. Ztg. XL 1882, 339, Roscher s. v. Boreas
Pauly-Wissowa. Ein Nachtrag hierzu in meiner S. 811.
Dissertation 9 Anm. 2. I0) Auf dieses Erkennungszeichen hätte dann der
7) Furtwängler-Reichhold Taf. 94/95. Maler der Vase Journ. of hell, studies XVIII 1898
8) Gerhard, A. V. 152,3. pl. VI verzichtet. Hier könnte auf Boreas nur
die thrakische Tracht führen.
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