Deutsches Archäologisches Institut [Editor]; Archäologisches Institut des Deutschen Reiches [Editor]
Jahrbuch des Deutschen Archäologischen Instituts: JdI — 25.1910

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H. Steinmetz, Windgötter.

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als daß man für jeden Wind einen Dämonen darstellte! Eine ins einzelne gehende
Beschreibung der acht Windgötter11) erübrigt sich hier.; hervorzuheben ist die
horizontale Lage der Gestalten, die das Fliegen gut verdeutlicht; dazu tragen noch
das flatternde Gewand und die vom Winde aufgesträubten Haare bei.
Vier sind bärtig, vier unbärtig gebildet, und seit dieser Zeit finden wir Euros
und Boreas bärtig; die Attribute sind für die einzelnen Winde sehr treffend ausge-
wählt und passen ansgezeichnet zu der aus der Literatur bekannten Natur der Winde:
schon hier ist der Zusammenhang deutlich erkennbar, in den Winde und Jahreszeiten
besonders in späterer Zeit in bildender Kunst und Literatur gebracht wurden I2).
Der tosende Boreas, bekleidet mit Mantel und Stiefeln, stößt in eine Muschel *3),
der milde Zephyr trägt Blumen im Bausch des Gewandes T4), Notos der Regenreiche
hält einen Wasserkrug, Kaikias, der besonders gefürchtet war, einen Schild mit Hagel
oder Eisstücken *5). Die Bildwerke am Turm der Winde stehen, wie ich sagte, gleich-
sam auf einer Scheide, insofern der Gedanke an Gottheiten noch aufrecht erhalten
werden konnte, andererseits aber bereits neue Charakterisierungsmittel angewandt
wurden. Sobald nun aber der mythologische Hintergrund fällt16) und nur die ele-
mentare Gewalt des Windes ausgedrückt werden soll ■— nicht der einzelne Wind,
sondern überhaupt der »Wind« —, da tritt an die Stelle der mythologischen Götter-
gestalten der Ausdruck dessen, was die Götter hervorbrachten, und dies schuf ein

gewiß eigener Geist; die Erinnerung daran,
IT) Zu bemerken ist, daß der Turm der Winde ein
monumentales Beispiel für das System der Wind-
rose des Eratosthenes ist, wenn auch einige Namen
von Winden spezifisch lokal-attischen Interesses
für die sonst geläufigen eingesetzt sind; Deven-
torum descriptionibus 42 ff.
I2) De ventorum descriptionibus 78 ff.
J3) Bekannt ist dies Attribut von den Tritonen;
Meer und Winde stehen in der engsten Verbindung
und das beiden Gewalten eigentümliche brausende
Geräusch hat die Übertragung dieses Attributs
sicher erleichtert; und auch sonst ist Verwandt-
schaft zwischen Winden und Tritonen in der Kunst
erkennbar, so z. B. in den Köpfen: für beide ist
charakteristisch die Haarbehandlung und Kopfhal-
tung, bemerkenswert ferner das Anlegen einer
Hand an den Hinterkopf, während die andere
die Muschel hält. So ist der Triton (Amelung
Vatican I, 26 [77BJ) nahezu identisch mit dem
Windgott Robert, Sark. III, 1, 77 b auf der
Nebenseite eines Endymionsarkophags (allerdings
ergänzt) und Br. Mus. 2308; beide haben außer-
dem Satyrohren, vgl. die Terrakotte Lei Rayet
(Livr. VI Taf. XIV Windgott) und den Satyr
auf einem Relief im Prado (Arndt-Amelung E.-V.
1688); vgl. ferner Aeneis III 239, VI164: Aioliden
Misenum; dazu Norden. Ein Triton führt

daß der Wind als Atem der Dämonen
den Namen Βόρ(ε)ιος auf einem Mosaik (Kaibel,
Inscr. graec. Ital. et Sicil. 2519); Lukian, Timon
54. Gellius II 22, 9. Auf dem Turm der Winde
war ein Triton als Wetterfahne angebracht; am
amykl. Thron entsprachen dem Typhon die Tri-
tonen. H. Schmidt, Observ. arch. in carm. Hesiodea
156.
1) Schol. II. I 5 Townl. ζέφυρος b τά προς το ζην
φέρων · έαρος γάρ ά'ρχεται πνεΐν. LucrezV73^®·
5) Wie bereits Petersen urteilte (Berühmte Kunst-
stätten, Athen 234); man könnte an Hageldisken
denken, wie sie Svoronos bei Boreas und Zephyros
auf Münzen erkennen will (Ztschr. f. Numismatik
XVI 1888, 229 ff. Taf. X). Kaum richtig, da
der Beweis voraussetzt, daß Boreas in der Regel
doppelköpfig vorkommt, was nur einmal der Fall
ist (Vase aus Chiusi Annali XXXII1860 Taf. LM);
dies läßt also keinen Schluß auf die übrigen
Münzen zu.
6) Damit meine ich natürlich nicht, daß die Winde
überhaupt nicht in mythologischem Zusammen-
hang erscheinen; sie können sehr wohl in mythi-
schen Szenen vorkommen, aber sie sind nicht
durch den Zusammenhang gefordert; auch spielen
sie in der Literatur, die die betreffende Szene be-
handelt, keine Rolle, noch werden sie ausdrück-
lich erwähnt.

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