Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 27.1911-1912

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1 MENZEL UND DIE GESCHICHTE FRIEDRICHS DES GROSSEN VON FRANZ KUGLER

J und daß Griechenland ohne seinen großen Mar- Gegenstände; die untertauchende Sonne ent-

h morreichtum viel schwieriger die Kunsthöhe fache in den Wasserdämpfen märchenhafte Far-

3 hätte erklimmen können, die wir heute noch als benspiele, und darum müßten die Venezianer

2 geradezu märchenhaft anstaunen. Sehr wichtige Koloristen werden. So einfach liegen nun die
y Einflüsse gehen ferner auf das Klima zurück, Verhältnisse nicht; wir bemerken häufig in ge-

< ebenso auf die Art der Bodenbeschaffenheit. mischtsprachigen Gegenden, die von Slawen
n In erster Linie handelt es sich dabei natürlich und Deutschen bewohnt werden, wesentliche Ab-

3 um Architektur, aber auch andere Künste kom- weichungen des Farbengeschmacks und können
J men hier bis zu einem gewissen Maße in Be- diese Verschiedenheiten nicht auf klimatische
5 tracht; früher ging man ja so weit — um nur Unterschiede zurückführen. Wir dürfen nicht
D ein einziges Beispiel anzuführen — kolori- den äußeren Bedingungen alleinige Macht zu-
i) stische Vorzüge bestimmter Malschulen ein- sprechen und ihnen zuliebe die inneren Ver-
1 fach aus den durch das Klima bedingten atmo- anlagungen vergessen. Kolorismus entsteht

< sphärischen Bedingungen erklären zu wollen. nicht durch das Klima, aber seine Besonder-

< So meinte man, die von Wasser gesättigte Luft heit ist zum Teil von klimatischen Verhält-
* Venedigs verwische alle scharfen Konturen der nissen abhängig. (Der Schluß folgti

ADOLF VON MENZEL UND DIE GESCHICHTE FRIEDRICHS
DES GROSSEN VON FRANZ KUGLER

A ls einen Beitrag zur Feier des 200jährigen Ge- größtem Eifer widmete; doch bald zeigten sich un-
burtstages Friedrichs des Großen veröffentlicht vorhergesehene Schwierigkeiten, über die ein Brief
der Verlag S. Fischer im Dezemberheft seiner be- Kuglers vom 11. Februar 1840 berichtet:
kannten Zeitschrift „Die Neue Rundschau" einige „Sie werden es mir nicht übel deuten und werden
Briefe von Franz Kugler an die J. J. Webersche Ver- mich, wie ich hoffe, keiner Parteilichkeit für Menzel
lagsbuchhandlung, in welchen Kugler sich u. a. auch zeihen, wenn ich Ihnen offen erkläre, daß ich seinem
mit der Mitarbeit Menzels an diesem Werke be- Briefe durchaus beistimme und daß ich vielleicht
schäftigt. Wir drucken hieraus mit Genehmigung nur (vielleicht aber auch nicht) an seiner Stelle etwas
des Verlags S. Fischer einige Stellen ab, die uns zartere Ausdrücke gebraucht hätte. Ich bin mora-
für die Beurteilung der Menzelschen Beteiligung lisch vollkommen überzeugt, daß Menzel im guten
an dem Werke von besonderem Interesse zu sein Rechte ist und daß alle Schuld einzig und allein
P( scheinen. auf die Pariser Holzschneider fällt. Zwar habe
Die Anregung, die geplante Geschichte Friedrichs ich die Original-Zeichnungen gerade der Holzschnitte
des Großen durch Menzel illustrieren zu lassen, nicht gesehen, über die er so ergrimmt ist, und ich
hatte Franz Kugler selbst dem Verlage Weber ge- gebe es zu, daß die Zeichnungen vielleicht nicht ganz
geben. Er schreibt Mitte Februar 1839 an Weber: so elegant und sauber gemacht sein mochten, wie
„Als denjenigen Künstler, dem diese ganze Arbeit andre von seiner Hand; nie aber kann er solche
zu übertragen sein würde, weiß ich keinen besseren Fratzen und so leblos hölzernes Zeug gemacht haben,
zu nennen, als Hrn. A. Menzel (Maler und Litho- wie auf diesen Holzschnitten nur zu häufig ist. Auch
graphen) in Berlin. Herr Menzel gehört zwar noch ist mein Urtheil nicht eben ein bloß moralisches, wie
zu den jüngeren Künstlern Berlins und er ist erst man es nennt, sondern ich habe noch andre gute
seit einigen Jahren öffentlich aufgetreten; gleichwohl Gründe dafür. Ich entsinne mich sehr deutlich seiner
hat sich in ihm ein Reichtum der Phantasie, eine Zeichnung, wo der Friseur dem Knaben Friedrich
Sicherheit in allen Elementen körperlicher Dar- die Haare reglementsmäßig verschneiden muß: der
Stellung, eine gründliche wissenschaftliche (nament- Holz-Schnitt ist hier noch ganz passabel, aber schon
lieh historische) Bildung, eine belebende poetische fängt die technische Bequemlichkeit sehr bedeutend
Kraft entwickelt, wie alles dies vereinigt nur sehr an vorzuwiegen und der Geist ist fast ganz verloren:
selten gefunden werden dürfte. Ich halte dafür, nicht das, daß die Thür im Hintergrunde dieses
daß gerade er sowohl für die Art der Gegenstände, Blattes höchst nüchtern (und nur holzschneider-
deren Darstellung im vorliegenden Falle erfordert mäßig, oder vielmehr maschinenmäßig) behandelt
wird, als auch für die Menge der Darstellungen, ist, scheint mir hier das Schlimme, sondern daß
welche zu liefern ist, als endlich auch in der Rück- die gespannte Hast in dem Gesicht und in der Be-
sicht, daß der Verleger mit einem reellen Manne, wegung des Friseurs und die zarte kindisch unglück-
der seine Versprechungen erfüllt, zu thun habe, — liehe Geberde des Knaben — worin vorzugsweise

ganz vorzüglich geeignet ist.....Herrn Menzels der Liebreiz und das Interesse des kleinen Bildes

Darstellungsweise, die entschieden auf Charakteristik beruhte — daß dies verloren ist, daß der Holz-

und Individualisierung ausgeht, ist ganz besonders Schneider dies sehr bedeutend vernachlässigt hat,

für historische Scenen geeignet. Zugleich aber hat das scheint mir zu beklagen. (Das Gesicht des

er auch ein ganz vorzügliches Talent für eine sym- Knaben ist im Holzschnitt verdrießlich geworden,

bolische, arabeskenartige Compositionsweise. — ..." was es in der Zeichnung durchaus nicht war.) Doch

Menzel übernahm die Arbeit, der er sich mit sind das nur feine, zartere Nüancen, im Uebrigen

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