Kladderadatsch: Humoristisch-satyrisches Wochenblatt — 10.1857

Page: 221
DOI issue: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kla1857/0221
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
ÄÄ/?

Nr. 56.

Berlin, den 6. December 1857.

10. Jahrgang.

Wochenkalender-Uegeln.

Montag, den 7. December.

Heute mir und morgen dir, heute Peter
morgen Paul,

Heute roth und morgen todt, heute sein
und morgen faul.

Dienstag, den 8. December.

Willst vor dem Fall ein HauS du schützen.
Mußt du eS nicht mit Gerten stützen.

Mittwoch, den 9. December.

Zehe Jeder wo er bleibe,

Und wer steht, daß er nicht falle.

Wochenkalender-Negeln.

Donnerstag, den 10. December.
DaS find für den Lahmen böse Zeiten,
Wann er sich läßt vom Blinden leiten.

Freitag, den 11. December.
Den todten Frosch kannst du zum
Sprung beleben —

Den Ruf kannst du ihm niemals wie-
dergeben.

Sonnabend, den 12. December.
Du sublime au ridicule, vom Palast
zu MöserS Ruh

Und vom Pferde auf den Hund — ist ein
Schritt nur — schreitet zu!

Kladderadatsch.

Humoristisch-salyrisches Wochenblatt.

Dieses Blatt erscheint täglich, mit Ausnahme der Wochentage. — Man abonnirt mit 21 Sgr. vierteljährlich für 15 Nummern bei allen Buch-
handlungen, sowie bei den Postanstalten des Ju- und Auslandes. — Jede einzelne Nummer kostet 1J£ Sgr.

FemUetW.

Auf einer Conferenz in der Provinz Sachsen hat man beantragt,
die Seminare abzuschaffen und Convicte dafür einzuführen, in denen
die Lehrer der Zukunft an größte Einfachheit, trockenes Brot, kalte
Schlafstellen, harte und anstrengende Arbeit u. s. w. gewöhnt werden.
Man scheint sich also von Lehrern, die sich auf Hunger verstehen, mehr
zu versprechen, als von dem gegenwärtigen Lehrergeschlechte, daü man zu
schnell satt bekommen hat.

Speisezettel

für Lehrer-Lonvicte nach dem Vorschläge erfahrener Seelsorger.

Montagö: Kartoffeln mit Salz. Dienstags: Kartoffeln ohne
Salz. Mittwochs: Salz ohne Kartoffeln. Donnerstags: Wassersuppe
mit Brot. Freitags: Fasttag. Sonnabends: Brot ohne Wassersuppe.
Sonntags: Für je zehn Mann ein Viertelpfund Fleisch nebst geistlicher
Belehrung, Brot nach Vorschrift, Waffer nach Belieben.

Schlafs aal-Einrichtungen.

Der Schlafsaal muß unter dem Boden angebracht sein; wo kein
Boden vorhanden, muß das Dach abgedeckt werden.

Das Bett hat zu bestehen aus einer Pritsche. Decken, Kiffen u. dgl.
weibische Verweichlichungs-Gegenstände werden nicht verabreicht. Stroh
erhalten nur die Schwächlichen.

Während des Sommers ist die Temperatur künstlich aus Null Grad
zu bringen, da sonst die Lehre von den kalten Schlafsälen unhaltbar
wäre. Die Fenster dürfen nur in der heißen Jahreszeit geschloffen
werden.

Tagesordnung.

Aufgestanden wird um 1 Uhr. Das Frühstück, in Schwarzbrot be-
stehend, wird beim Holzhauen verzehrt, womit sich die künftigen Lehrer
bis 7 Uhr zu beschäftigen haben. Von 7—8 Stieselputzen, Kleiderreini-
gen, Andacht, von 8—12 Unterricht, von 12 — 1 Mittagbrot, von 1 — 1
Unterricht, von 1—8 Feldbau, von 8—10 Andacht.

Nur so wird eS möglich werden, die Regulative zu beleben und Lehrer
heranzubilden, die unsere Jugend zu Spartanischer Tugend erziehen.
Die Lehrer müssen einsehen lernen, daß sie, so lange sie der Welt keine
Dienste geleistet, auch kein Recht aus Genüsse des Lebens oder gar aus
jene schwelgerische Kost haben, wie sie den Zuchthäuslern gewährt wird,
welche der Welt den, wenn auch undankbaren, doch immerhin wichtigen
Dienst geleistet haben, daß sie ihr die Begriffe von Recht und Unrecht,
Mein und Dein, Eigenthum und Diebstahl praktisch beigebracht und
gelehrt haben, und die wir sorgfältig erhalten müssen, um die Lehre von
den zehn Geboten durch abschreckende Beispiele erläutern zu können.

Die ergebenst Unterzeichneten haben aus den Berichten der öffent-
lichen Blätter ersehen, daß ein Mitglied eines Potsdamer Vereins von
der Nothwendigkeit gesprochen hat, den Teufel in leibhaftiger Gestalt
„aus die Straße führen" zu lassen. Da uns aus der Ausführung eine-
solchen Vorhabens eine gefährliche Concurrenz entstehen würde, so er-
warten wir von der Humanität der betreffenden Behörden, daß dieselben
eine öffentliche Schaustellung dieser Art wenigstens nicht unentgeltlich
gestatten werden. Miß Julia Pastrana.

Der fliegende Hund & Comp.

Müt Vergnügen habe üch gesehen das Kunstblatt, was ün düsen
Tagen beu Sala üst erschünen für eunem Thalec ßum Bößten dör
armen Schlöswüg-Holsteuner und darstellt „dü Aufnahme ort-
lasfener SchlöSwüg-Holsteuner von befreundeten Deutschen Brüdern."
Sogleuch alleweule dör Deutscher Bund dü Sache der armen Holsteu-
ner hat ün dör Hand genommen, glaube üch, daß ühre Beulögung ün
so naher Aussücht ftöht, daß jeder Thaler, dön man dafür gübt, noch
tragen würd ZünS und ZünseSzüns, waS gar nücht ßu berechnen üst.
Düs dat, quü cüto dat; das heußt: büs der Bundestag ötwaS thut,
können andere Leute noch föhr vül thun. Zwickauer.
loading ...