Kladderadatsch: Humoristisch-satyrisches Wochenblatt — 15.1862

Page: 162
DOI issue: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kla1862/0162
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
162

Von einem Aloen des Altcrthmns und einem Aloen der Neuzeit.

«var «inst rin Leu in großen TodeSnöthcn:
Hals einen Dorn sich in das Bein getreten,
Er lag gelähmt, verschmachtend und zum Spotte
Der Unterthancn in der Fclsengrctle,
Vor Schmerzen brüllend, daß das Leid des Armen
Der Wüste Steine mußte schier erbarmen:
Androclus hört des Löwen Schmerzensschrei,
Er eilt zu tbät'zer Hülse schnell herbei
lind, ohne Bangen vor dem Falsch der Katze,
Entfernt den Dorn er auS des Löwen Tatze,
Verbindet ihm den Fuß und pflegt den Kranken —
Ter Leu schien ihn, mit sanstem Blick zu danken —
Er bracht ihm täglich frisches Futter dar,
Bis daß der Löwe ganz genesen war.
Nun fügt es sich, daß in geheimen Schlingen
Des Kaisers Häscher unfern Löwen fingen,
Und daß gelüstet es den Kaiser eben,
Der Lust des Volks ein Kampfspiel mal zu geben.
Androclus ward vom Kaiser ausersch'n,
Mit dem Gcwalt'gcn in den Kampf zu gehn.
Schon sitzt geschaart der Schauer dichter Chor,
Das Gitter fällt, Androclus tritt hervor,
Und aus dem Käfig mit gcwalt'gem Satze
In die Arena springt die wilde Katze.
Doch wie der Leu den Sclaren dort erblickt,
Bleibt stehn er plötzlich, wie von Bann umstrickt,
Klemmt wie ein Kätzchen zwischen seine Glieder
Ten Schweis und legt sich vor Androclus nieder,
Er schnurrt und leckt des Sclaven Füße dann
Und schaut so sromm und mitleidvoll ihn an,
Als wollt' er sagen mit dankbarem Sinn:
.Dir dank' ich Alles, waS ich heut noch bin,
Dir dank' irb, daß ich bei der Thiere Schaar
Geehrt als König und gefürchtet war!

Durchbohr', Androclus, mich mit deinem Stahl!
Dich zu verwunden-wäre bestial!"
Das that ein Leu vor mehr als tausend Jahren.
Hört nun, wie sich die Löwen heut gebahren!
ES lag ein Löwe jüngst in Todcsnöthcn,
Da er zwei Törner sich ins Bein getreten,
Und schrie so schrecklich, daß der Schmerz des Armen
Der Wüste Steine mußte schier erbarmen.
Ta kam, gerührt durch solchen Schmerzensschrei
Zwar nicht Androclus, doch ein Mann herbei,
Der zog den ersten Dorn aus kranker Tatze
Und, ohne Bangen vor dem Falsch der Katze,
Pflegt' er den Löwen wohl ein ganzes Jahr,
Bis daß verharscht die erste Wunde war,
Und sprach: .Ich Hab, dieweil du lägest hier,
Fast alle Feinde rings entfernt von dir,
Fast alle Löwen, die nach deinem Reich
Getrachtet, traf mein sichrer Todesstreich;
Ten letzten, der mit dir daS Reich noch theilt,
Erleg' ich jetzt, eh' deine Wunde heilt.
Den letzten Dorn, der deinen Fuß noch schmerzt —
Halt still, o Leu — will ich jetzt ziehn beherzt!"
So sprach der Mann und streckte nach dem Den,
Die Hank, — da flammte wild des Löwen Zorn,
Er krallte zu gewalt'gem Todcsstreiche
Die Tatze fest in seines Freundes Weiche
Und brüllte laut: „Tu unverschämter Knecht,
Ich fresse dich — tu kommst mir eben recht —
Daß mich deS Dankes Pflicht nicht mehr beläst'ge!"
Der Arme rief verscheidend nur: „o Bestie!"
Moral.
Gefressen wird nicht stets, doch oft,
Wer auf des Löwen Großmulh hosst.
Rladkieradlilscl).

Feuilleton.

Der .konservative Volk-freund" in Minden fordert in einem Inserat die
konservativen Wahlmänner zum pünktlichen Erscheinen bei der Wahl eines
Abgeordneten sür Minden Lübbecke mit dem Zusatze auf: „Nur wer mitt-
lerweile etwa von unserer Seite gestorben ist oder sterbens-
krank daliegt oder wer einen ebenso stichhaltigen Grund hat,
darf fehlen."
Zu den Wahlmänncr» dieses Kreises gehört auch der seiner Zeit vielge-
nannte Wehmeier. Es fragt sich nun: muß man durchaus gestorben sein,
wenn man nicht kommen will, oder sind auch die entschuldigt, die so gut
wie todt sind? _ L. nicht W. Meyer.
Tie Berliner Revue giebt der Regierung anheim zu erwägen, ob nicht
vom nächsten Jahre ab die Kammern nach einem Lite, etwa wieder nach
Brandenburg zu berufen seien.
Wenn die Berliner Revue unter den „Kammern" das Abgeord-
netenhaus versteht, so ist »n-Z der Vorschlag um so unverständlicher, je weni-
ger wir die Klage gehört haben, daß dieses bisher vernagelt sei; sollte die
Fürsorge des geschätzten Blattes aber dem Herrenhause gellen, so dürste die
anzedeulele Maßregel wohl — zu spät kommen.

Also sogleich LN döm Papst ümStäche lößt, wüll Sii süch eun Lend
an thun? Wü hcußt? Sü süch eun Leud tbun? Mür kann Sü lcud tbunl
Noch möhr aber LN; dönn auf düser Art und Weuse würd düseS Pantcf-
jel-Rögümönt nie ßum Lende kommen.
Zwickauer,
auch enn galanter Lehcmann, aber keim söntümöntalcr.

Ta Graf BorrieS beim Scheiden au« seinem Amte Allen, welche ihm
ihr Vertrauen geschenkt haben, seinen Dank ausipricht, io bedauert die erge-
benst Unterzeichnete ausdrücklich erklären zu müssen, daß sie keinen Anspruch
auf diesen Dank zu haben, sich geschmeichelt fühlen darf.
Die deutsche Nation.

Der Moniteur bringt eine Schilderung der Rheinzcgenden. Ter Ver-
fasser des anziehenden Berichtes, Herr G. Claudi», hat den Spott der deut-
schen Blätter auf sich gezogen, indem er behauptet, von Köln nach Mainz
stromabwärts gefahren zu sein. Die deutschen Zeitungen hätten sich ihren
wohlfeilen Spott ersparen können, wenn sie bedacht hätten, Laß ein ossi
cieller Journalist immer nur mit dem Strome, nie aber gegen den
selben schwimmen kann und darf.

Nernlitirgislhc Marseillaise.

Mein Schätz cllist reich,
Aber hübsch ist er nicht;
EinMißtrauensvotum
DaS hat er gekriegt.

Ein Mißtrauensvotum
Das ist ihm egal;
Er denkt: was sich liebet,
Das neckt sich manchmal.

Was sich liebet daS neckt sieb
Ist ein altes Sprüchwort:
Und mcinS chätzcll bleibt
bei mir,
Geht nimmcrmehr fort.

DaS Gerücht, daß die Katechismusfrage die Entlassung des Grasen
Bor ries bewirkt habe, ist ein irriges. Nach unverbürgten, aber glaubwür-
digen Nachrichten soll durch den Genuß der Lampe'schen Wundcrkräutcr-
! Dccocte an maßgebender Stelle der Abgang des Grafen Lorrics erzielt wer
den sein. ES würde hiernach eine wahrhaft patriotische Aufgabe der resp.
deutschen Leibärzte sein, die mit dergleichen Individuen behafteten maßgebenden
Steilen zur Cur nach Goslar z» senden. Deutschland würde gesunken und
die noch im Dunkeln tappende mcdicinische Wissenschaft durch Lampe er-
leuchtet werden.

Pastor Ahlfcld aus Sachsen sagt in seiner Andacht über die Zwiebel
wörtlich: „Die Zwiebel hat neun Häute, der Mensch hat mehr. Dazu, daß
er ganz der Barmherzigkeit abstirbt, braucht's viel. Aber doch vertrocknet oft-
mals eine Haut nach der andern, bis endlich nur der Hcrzkolben übrig bleibt."
Wir hätten nicht für möglich gehalten, daß ein so frommer Heer eines so bei-
ßenden, gezwiebelten Spottes auf die höchsten Staatsmänner in und außer
halb Sachsens fähig wäre.
loading ...