Kladderadatsch: Humoristisch-satyrisches Wochenblatt — 15.1862

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Nr. 5V.

Werlin, den 7. Aecember 1862.

XV. Jahrgang.


Wochenkateiwer.
Montag, den 8. Deccmder.
Hoch Herr von Bismarck lobcsan!
DaS ist für uns dsr rechte Mann:
Er hat mit seiner Leder Kraft
UnS unser gutes Recht verschafft.
Dienstag, den 9. Dcccmber.
Wie hat es ihn so ties geschmerzt,
Dah unfern Landtag man verschwärzt,
Den Landtag, der doch offenbar
So friedlich und versöhnlich war.
Mittwoch, den 10. Decembcr.
Die Lüge, die mit frechem Hohn
Sich drängte an des Fürsten Thron
Und ihn mit Schmeichclwort bethört —
Er hat ihr Teusclswerk zerstört.


Wochenkatender.
Donnerstag, den II.December.
Er sprach zu unsrem Cabinet:
Darfst nicht regieren obn' Budget;
Drum thu' sofort, was dein« Pflicht
Man kann nicht wissen, was geschicht.
Freitag, den 12. Dccember.
Und willigst du sofort nicht ein,
So schlag' ein Donnerwetter drein
Ich komm' hinüber und ich
Ich wag' es trotz des Bnn
Sonnabend, den Ist.
So singt in Kassel Rjann und äM,
Herr Oetker und Herr Nebelthau,
Und wir auch stimmen laut mit ein:
O Glück, ein Hesse heul zu sein!
Kladderadatsch.

Humoristisch-salyrisches VocheiMill.

MZ-^Dcr diplomatische Schrank.


Line /nOel für Rinder und 8olche die es werden wollen.


kV

n kor grauen Vorzeit Tagen
Kam ein grauer Herr von Osten
Gen Berlin dort zu bekleiden
Den K. K. Gcsandtschaftsposten.

Als ein staatsgelehrtcr Weiser
Ausgewachsen und erzogen
In geheimen Zauberkünsten
Diplomal'scher Mystagogen —
Hielt er nach Staatömännerstttc
Zugeknöpft sich und verschlossen,
Sonderlich mißtrauend seinen
Ehrcnwcrthcn Zunftgcnossen.
Selbst im eignen Haus nur einem
Seiner vielen Secretäre
Schenkt' er seines unbcgränzten
Völligen Vertrauens Ehre.
Dieser einzig war's, aus dessen
Stumme Treu' er sicher baute.
Dem er jegliches Gchcimniß
Unbedenklich anvertraute.
Ihn macht er zum Hüter aller
Diplomatischen Jntriguen —
Ihn, der wie er selbst verschlossen,
Ihn, der wie das Grab verschwiegen -
2bn, der stets uneigennützig.
Nie bedacht auf Lohn und Dank war,
Der, mit einem Wort, ein fester
Sichrer — Mahagonischrank war.
Also lebten viele Jahre
Sic vereint in Freud' und Sorge;
Und cs hat der Schrank, der stumme,
Viel geschn und viel verborgen.
Da, an einem guten Tage
War der Herr des alten treuen
Dieners plötzlich satt geworden.
Und er sucht sich einen neuen.

Die so treu vereint gewesen,
Schieden frostig von einander;
An des Altbewährten Stelle
Kam ein glatter Polysander.
Auf dem Trödel hat der Alte
Unter andern alten Schränken
lieber Divlomatentrcue
Muß' und Zeit jetzt nachzudenkcn.
Grollend schwört der Mahagoni
Sich an seinem Herrn zu rächen
Und die lange treu bewährte
Amtsverschwiegenheit zu brechen.
Und de», Trödler, einem alten
Schlau verschmitzten feilen Schächer,
Oesfnct jetzt er seines Herzens
Allertiesstgeheimstc Fächer.
Bringt ans Licht aus dunklen Winkeln
Manch' verräthcrisches Schreiben,
Und enthüllet ohne Schonung
Seines Herrn geheimstes Treiben.
Plaudert, wie der Herr von Osten,
Stammend zwar von der Noblesse,
Doch verkehrt mit den verworfnen
Bösen Menschen von der Presse —
Mit krummbcin'- und -nas'gen Juden
Und mit andern Christcnknabcn,
So da schreiben, weil vcrfchslt sie
Ihre Carriörc haben.
Spornstreichs eilt der alte Trödler
Zum Minister ohne Säumniß,
Und verkauft für blanke Gulden
Dem Minister sein Gchcimniß.
Furchtbar will sich der Minister
Nachen an dem Herrn von Osten;
In Ungnaden wird der Arme
Schnell entfernt von seinem Posten.

Da wacht in dem Mahagoni
Plötzlich auf die alte Treue,
Und das plaudcrhafte Möbel
Wird zernagt vom Wurm — der Reue.
Und verzweifelnd ob des Unheils,
Das er seinem Herrn gestiftet.
Starb er, an ccntralstellsaurem
Prcßbüropiat vergiftet.
Wohl versammelt ward der Todtc
Zu den andern scl'gcn Spinden;
Aber selbst im kühlen Grabe
Kann er nimmer Ruhe finden.
Rastlos fort und fort gepeinigt
Dom Bewußtsein arger Thatcn,
Spukt er in dem kleinen Hirne
Officiöscr Literaten.
In schlaflosen Mondscheinnächtcn,
In der Stunde der Gespenster
Klopft er in der Wilhclmsstraßc
An manch officicllcs Fenster.
Legt alpdrückcnd auf die Brust sich
Den beklommenen Ministern,
Und in genialen Träumen
Hören sie ein Gcisterfiüstcrn: —
Von der fremden Diplomaten
Listiger Vcrrathumgarnung,
Der Prehbenget frechem Treiben
Und der nöthigen Verwarnung.
Aufaejagt von jähem Schrecken
Lauscht der Staatsmann beim Erwachen,
Und vernimmt aus allen Ecken —
Nichts, als nur ein gelles Lachen.
Schwindend dann in Nacht und Nebel.
Legt in seines Sarges Truhe
Sich das alte Gcistermöbcl.
Schenk' ihm Gott die cw'gc Ruhe!

Kladderadatsch.
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