Kladderadatsch: Humoristisch-satirisches Wochenblatt — 34.1881

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an einer par 1 anteutariId) en

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anjlcr sprach }it den Treuen,
Die sich um ihn gesellt:

„Soll ich mich euer frcurn,

©riil mir — nicht foU's euch reuen —
Mehr ©cid, ihr Herrn, mehr ©cid!

Schi, wie zu des Dieres Fluten
Oie ©erste die Aehrc fchmclll!

Das Malz — o giaudi's, ihr ©ulen —
Der Tabak kann auch noch dinicn.
Mehr ©cid, ihr Herrn, mehr ©cid!

Zwar habt ihr nach meinem willen
Die 3011c cmporgcschncUl;

Doch soll ich Ncrrutci, drillen
Für mich, denk' ich im Stillen:

Mehr ©cid, ihr Herrn, mehr ©cid!

Und sollen wir einstmals rasten
Geruhig im Fricdcnszclt
So icrnl entbehren und fasten,

Und tragt des Staates Lasten —
Mehr ©cid, ihr Herrn, mehr ©cid

An ©erste, Korn und Weizen
Dringt goidne Früchte des Feld,

Die mich zu Steuern reizen;

Auch ihr sollt nimmer geizen —
Mehr ©cid, ihr Herrn, mehr ©c!d!

©ar viel der Feinde lauern
Dom Südmcer bis zum Dcit
Auf uns. Ich frage mit Schauern:
wie lang' wird der Friede dauern?
Mehr ©cid, ihr Herrn, mehr ©cid

Damit ihm niemals fehle,
was feinen Humor erhält,

Draucht Diltcr, meiner Seele,

Den Zoll auch noch vom Mehle —
Mehr Geld, ihr Herrn, mehr Geld!

Dasi nicht im Sinn», dem müth'gcn,
Mein Stcucrschiff zerschellt,

Helft, ©älter, mir, ihr giit'gcn,
Hammonia jcht dcmülh'gcn! —
Mehr ©cld, ihr Herrn, mehr Geld!

Koiree. ' (3))'

©s sind von Hasses Hauche
Und Widerspruch geschwellt
Die bösen Fortschritts-Gauche;
Sie weigern, was ich brauche —
Mehr Geld, ihr Herrn, mehr Geld!

Der Fortschritt will nicht blechen,
was euch und mir gefällt.

Soll ich den „Ding" zerbrechen,

Und strafen all' die Frechen —

Mehr ©cld, ihr Herrn, mehr Geld!

Es ist auf cig'ne Deine
Das Ucich noch nicht gestellt
Don Memel bis zum Uhcine;

Drum forür' ich nur das Eine:

Mehr ©cld, ihr Herrn, mehr Geld!

Den kleinen Mann inag's schmerzen,
was kümmert mich die Welt? —

Der Kanzler sprach's mit Scherzen,
Doch dacht' er ernst im Herzen:
Mehr ©cld, ihr Herrn, mehr Geld!

r'"-. Zum U»sMiittslcher»iigs-Gksth.

^er Kreis der Personen, welche der Segnungen deS neuen Unfall-
Versicherungs-Gesetzes tlieilhaftig werden sollen, vergrößert sich von
Tag zu Tag. Zu den Fabrikarbeitern und den Bergleuten sind schon die
Schornsteinfeger und Bauhandwerker gekommen; Herr von ,n leist-Retzow
will die bei Maschinen beschäsligten Landarbeiter, der Abgeordnete Etzjoldt
das Personal der Eisenbahnzüge und Dampfschiffe unter das neue Gesetz

So berechtigt diese Erweiterungen sind, so scheinen uns ihre Gränzen
doch immer noch zu eng gezogen. Bisher hat man immer mir die körper-
lichen Verletzungen und die durch sie herbeigesührte Verminderung der Er-
werbsfähigkeit des Betroffenen ins Auge gefaßt und nicht bedacht, daß
Jemand durch „Unfälle" ganz andrer Art ohne jedes eigene Verschulden die
schwersten materiellen Schädigungen erleiden kan», ohne daß er sich nach
dem bisherigen Stande der Gesetzgebung dagegen zu schützen vermag.

Wir halten es für unsere Pflicht, auf diese Mangel hinzuweisen, so-
lange die Berathung deS Entwurfs noch nicht abgeschlossen ist, und erlauben
uns vorläufig, den Erlaß folgender Speeial-Gesetze al-s durchaus »othwendig
auf das wärmste zu befürworten.

2. Das Jwilling-lInfallverfichennigs-Gesctz.

Das Erscheinen des ersten sogenannten LiebespfandeS pflegt in jedem
Hause mit aufrichtigem Jubel begrüßt zu werden; auch die folgenden läßt
man sich ohne Murren gefallen, solange die Reihe der zweistelligen Ziffer»
dabei nicht angebrochen wird. Dagegen wird ein Zwilling entschiede»
überwiegend als ein Unfall anfgefaßt, wie sehr auch der freudigeAusdnnk
des VateranklitzeS und die stolze Faffung der Anzeige im Tageblatt dagegen
zu sprechen scheinen.

Da im Durchschnitt erst auf achtzig einfache eine ZwillingSgebnrt kommt,
so können die vereinigten ReichSfamilienväter dienöthigenSumme»
leicht ohne jeden Staatsbeitrag aufbringen.

Der schreckenerregende Drilling sowie der, allerhöchst seltene Vierling
müßten natürlich mit entsprechend höheren Beträgen honorirt werden.

Lb auch, ohne das Eintreten einer Zwillingsgeburt, das Erscheine» de;
einfachen elften Sprößlingö als ein Unfall' anznsehen ist, wagen wir
nicht zu entscheiden und möchten vorschlagen, die Erledigung dieser Frage
einer Commission von sünfunddreißig Mitgliedern zu überweisen.

I. Unfallversicherungs-Gesetz für HeirathScandidateu.

Es ist allgemein anerkannt, daß nach Lage der moderne» LebenS-
verhältniffe die meisten Männer, die nicht eigenes Vermögen besitzen, vor
Allen die Staatsbeamten und Offieiere, sich in der absoluten Unmöglichkeit
befinde», eine Frau und demnächst eine Familie . “. '

Nmnöglichkeit

10B zu ernähren und baß die Frau in Gestalt eines mitzubringenden
Baarvermögens ihren Beitrag zu den Auslagen zu liefern hat, welche der
für das Leben geschlossene Bund zweier Herze» nun einmal mit sich bringt.

Ebenso anerkannt ist es aber auch, daß der hoffnungsvolle Bewerber in
vielen Fällen nicht in der Lage ist, die VermögenSverhältnisse der Angebeteten
. then Klarheit zu übersehen, daß er sogar oft von den,

über die Absenz nachhaltiger Eapitalbestände in dem Familien-Arnhein,
getäuscht wird.

In den meisten Fällen wird die angeborene Diseretion dem Bewerber
eine geschäftsmäßige Erörterung dieses PuneteS vor der Verlobung verbiete».
... erfolgende Entschleierung

Ist dann die nach den Flitterwochen unvermeidlich
des wahren ThatbestandeS nicht ein Unfall der herbsten Art? wenn oranmr
sich dabei noch nicht einmal auf den Standpnnet der christlichen Welt-
anschauung des Herrn von »Ileist-Retzow zu stelle»! schon dem humanen
Billigkeitsgefühl entspricht es. solche Unglückliche durch eine nach ihrer
Lebensstellung abznmejsende Versichernn gssnm m e möglichst zu entschädigen.

Da die Betreffenden naturgemäß nur einen kleinen Theil der Ver-
sicherungsbeiträge zahlen können, jo möchten wir vorschlagen, daß die
vereinten Bräutigämer des Reichs V,:, der nöthigen Summen bei-
steue.rn, das Reich mit seinen unerschöpflichen Mitteln dagegen den Rest
übernimmt.

Daß ein derartiges Gesetz die Liebe zum Reich in einem kaum zu
berechnende» Maße stärken und beleben müßte, liegt auf der Hand.

3. Das Skat-Unfallversicherungs-Gesetz.

, „ c Spieler macht das Bewußtsein, diese Einbußen

Infähigkeit oder Unvorsichtigkeit selbst verschuldet zu haben,
.1 Schicksalsmacht preisgegeben zu sein, dieselben

erhält; und gerade für g
nicht durch Unfähigkeit ....
sonder» wehrlos der dunkeln
ganz besonders empfindlich.

Ein derartig vom Schicksal Mißhandelter verdient ohne Frage eine
ausreichende Entschädigung; und es kann sich nur darum handeln, wie die-
selbe aufgebracht werden soll.

Den'Skatspieler selbst möchten wir von allen Beiträgen befreit sehen,
da sich für ihn durch den nothwendigen Consum von Getränken und Spehe»
die Kosten dieses geistveredelnden Spiels schon hoch genug stellen.

Auch eine ReichsversicherungSanstalt erscheint nicht eins
wertst, da diese bald der Last berechtigter Ansprüche erliegen müßte.

Ebenso ungeeignet erscheinen Versicherungsanstalten der einzelnen
Staaten, da in diesem Fall manche der kleineren, in denen das edle
Spiel besonders fleißig gespielt wird, wie die Thüringischen Fürsten-
thümer, leicht ihrem finanziellen Ruin entgegenbeführt werden könnten.

‘." -r die Abwälzung der ganzen Last auf die

für welche ja durch die Urberweisung der

.S7Ä

"'Mögen diese Vorschläge dazu beitragen, dem hergebrachten Schlendrian,
dem laisscr aller des ManchejlerthnmS auf allen Lebensgebieten ein Ende

Werden dieselben, woran wir kaum zweifeln, angenommen, so behalten wir
uns vor, in einer der nächsten Sessionen weitere Anträge zu stellen.

Die StaatS-Soeialisten des Kladderadatsch.
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