Kladderadatsch: Humoristisch-satirisches Wochenblatt — 34.1881

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Schmerzlich,

T)cv Wahlschlacht Toben war verhallt,
Verflogen Grimm und Erhitzung,

Da hielt das löbliche ..t). l C.“

Noch eine traurige Sitzung.

Der Präsident sprach: „Meine Herrn,

Wir haben, wie Sie wissen,

Dem Fortschrittstcnfel die Stadt Berlin
Nicht aus den Klauen gerissen.

Was half die rührigste Agitation,

Was unser selbstloses Wirken?

Es fielen unsere Männer durch
In sämmtlichen Wahlbezirken!

Wie waren wir froh und hoffnungsvoll
Am conscrvativen Feste!

Die weiten Säle faßten kaum
Den wimmelnden Schwarm der Gäste.

Vergleich' ich jenem Volksgewühl
Die Zahl jetzt unsrer Stimmen,

Fühl', ich mein patriotisch Herz
Mir in der Brust ergrimmen.

Es schlich sich ein zu unserm Fest
Viel fortschrittlich Gelichter;

Sie tranken das conservative Bier
Und wählten — Birchow und Richter!

Allein was hilft das Klagen jetzt?

Nach allen Wahlen und Qualen
Bleibt zu vollziehen ein ernster Act;

Die Kosten sind zu zahlen." —

Endlose Rechnungen zog er hervor
Aus einer riesigen Mappe;

Addirt ward, was dem „C. C. C."
Gekostet seine Schlappe.

Für Säle war zu zahlen viel,

Für Heizung und Beleuchtung;

Den größten Posten natürlich verschlang
Die Wählerkehlenbefeuchtung.

Zu zahlen war ein Meer von Bier,
Daneben war zu schauen
Für Grog ein Pöstlein, für Thee sodann,
Vertilgt von Mägdlein und Frauen.

Kaum glaublich, was getrunken war!

Doch war nicht zu vergeffcn

Der Berg von Schrippen, den man vertilgt_

Mein Volk, was kannst du cffen!

Und immer aufs Neue wieder tief
In seine Mappe griff er;

Das Ganze machte schließlich auS
Eine böse fünfftelligc Ziffer.

Die Herrn staunten; unbedacht
Hub Einer an zu klagen:

„Du heiliger Reptilius,

Was wirst du dazu sagen?" —

Nach Schluß der Sitzung blieb man vereint
Noch eine gemüthliche Stunde;

Doch fehlte die Gemüthlichkeit,

Verdroffen saß die Runde.

Nicht munden wollte sogar der Trank,

Matt blieb das Gespräch und ledern;

Zum ersten Mal lag das C. C."

Vor Zwölf schon in den Federn.

Kl-rMimLsM

Wie die Berliner Wahlen tu Stande gekommen sind. 3

(Zum Abdruck für conservalivc Blätter.)

'Äaß auf liberaler Seite am 27. Qctobcr nicht Alles mit richtige»
Dingen zugegangcn ist, wird von vornherein Niemand bezweifeln, der diese
Herren und ihre Gebräuche kennt. Durch wie verwerfliche Mittel aber sic
ihren „Pyrrhussieg" zu erringen gewußt haben, wird aus einer kleinen
Blumcnlcse liberaler Wahlungehörigkeiten, die wir im Folgenden veröffent-
lichen, für Jedermann klar werden.

1. Ausländische Jude» haben initgcstiinint.

Daß ausländische Juden sich an der Wahl bctheiligt haben, ist
bekannt; nur nicht, in welchem Umfang dies geschehen ist. Man höre!

Schon am 26. Oktober kamen 13,000 Russische Juden auf den,
Ostbahnhof an, wo sofort die Stimmzettel an sie vertheilt wurden. Tie
Nacht über hielt man sie in der Wühl Haide verborgen ; am andern Morgen
wurden sie rottcnweise zu den Urnen geführt. Am Abend wollte man ihnen
das auSbedungene Stimmgeld — eine Mark pro Nase — nicht auSzahlen,
worauf sie drohten, Alles zu verrathen. Man einigte sich endlich auf
-10 Pfennige. Murrend begaben sie sich alsdann zu Fuß wieder in ihre
Heimat zurück. Andere 17,000 Juden wurden aus Böhmen, Ungarn,
Galizien, Lodomericn, Rumänien und Bulgarien bezogen; weitere
7000 kamen aus Algier, Fez, Tripolis, Tunis und Marokko, sowie
auS Palästina selbst. Die Spanischen und Portugiesischen Juden
aber kamen z» spät. Entschlossene Antisemiten, welche von ihrer drohenden
Ankunft gehört halten, schmierten rechtzeitig einen Theil des Schienen -
strangeS, den der jüdische Hilfszug zu passiren hatte, mit Petroleum und
grüner Seife ein. Als nun der Zug mit 6793 Juden aus Spanien und
Portugal an die eingeöltc Stelle kam, drehten die Räder sich nutzlos um
ihre Are, und der Zug kam nicht weiter. Ehe das Hemmniß beseitigt
werden konnte, vergingen mehrere Stunden, und so kamen die jüdischen

tsrOit

in Berlin an, als es eben Sechs'gcschlagen hatte und die Urnen

2. Betäubung und Corrnuipirimg durch Englisches Bier.

Nicht nur vor einem Wahllocal, wie conservative Blätter berichten,
sondern vor mehr als Hundert derselben, lag ein Faß „Englisches Bier".
Neben jedem Faß standen ein Paar Manchcstermänner. Kam mm ein
Wähler daher, um seine Stimme abzugcben, so wurde ihm von den Manchesler
männern gratis ein Glas von dem Bier verzapft. EL war aber dieses
„Englische Bier" in Wahrheit ein teuflisches. Wer ein Glas davon trank,
dem verwirrten sich alle Begriffe; auch wenn er mit den beßten confer-

... :, zerriß er seinen conservativcn Stimm-
zettel , ging hinein, und wählte fortschrittlich. Das Bier soll einen starken

vativen Absichten

zeltet, ging hinei.. .. , ,

Zusatz von Virchol» enthalten haben.

!!. Urnen mit Borrichtung.

Vor dem Beginn der Wahl müssen die Urnen hernmgegeben werden,
damit Jeder sich davon überzeuge, daß sie leer sind. DaS ist vielfach unter-
lassen worden. Ein Gewährsmann, dem es gelang, vor der Wahl einen
verstohlenen Blick in die Urne zu thnn, versichert uns, es hätten viele kleine
Zettel in der Urne gelegen. In anderen Fällen soll die Urne einen doppelte»
Boden gehabt haben. In einem Local war — so erzählt man sich — die
Urne so eingerichtet, daß ihr Boden gegen den Tisch zu, der an dieser Stelle
gleichfalls eine Klappe hatte, sich öffnete. Durch diese Oeffnungen und den
sich ihnen anschließenden hohlen Tischfuß gelangten die Stimmzettel au
einen King-Fu im Souterrain, der sie in aller Ruhe „sortirte". An vielen
Orten ferner, wo man schon vorher wußte, daß die Abstimmung eine große
conservative Majorität ergeben würde, sollen die Urnen mit Vogcllcim
gestrichen gewesen sein.

4. Berncknilg und Uebrrlistung nicht genau
unterrichteter Wähler.

In diesem Punct ist natürlich Enormes geleistet worden. Bor allen
Wahllokalen standen liberale Schlaumeier, deren Aufgabe es war, treu-
herzige Wähler, welchen man die conservative Gesinnung anschen konnte,
zu berücken. Fragte ein Solcher: „Wen soll ich wählen?" — so wurden
ihm als „conservative Koryphäen" Birchow, von Saucken-Tarputschen,
Löwe u. s. w. genannt, und er ging hin und wählte den Erzfeind seiner
eigenen Partei. Im ersten Wahlkreis wurde natürlich von diesen liberalen
Schlaumeiern der conservative Candidat überall als Kryptosemit verdächtigt.
Der Name „Liebermann" legte freilich diese List sehr nahe.

5. Frevelhafte Einwirkung auf die Stiininzettelmänner.

Was in dieser Hinsicht versucht und auSgeführt worden ist, übersteigt
allen Glauben. Mehr als 221 conservative Stimmzettcl-Vertheiler sollen u.A.
durch falsche Telegramme, in denen ihnen ansgebrochener Dachst uhlbrand,
Geburt von Jll-, Zwill- und Drillingen, Schlägfluß von Erbtanten und
andere frohe Familienereignisje gemeldet wurden, von ihren Posten foit-
gejchwindelt worden sein. Anderen wurden durch liberale Zauberer, Magier,
Gaukler und Prcstidigitateurs die conservative,r Stimmzettel aus der und
die liberalen in die Hand gespielt, ohne daß sic etwa-S davon merkten, 3»,
es kam vor, daß der liberale, der conservative und der socialdcmokratyaie
Stimmzctlclman» vor dem Wahllocal Skat um Stimmzettel spielten! Zn
einigen Fällen wurde auch noch der Ultramvntane als vierter Mann hinzu-

^°^Solche Mittel sind es. durch welche die Liberalen in Berlin gesiegt
haben! Aber drei Jahre höchstens währt ihre Freude; dann wird, dann
muß eine bessere Zeit kommen. Mit Mogeln zu gewinnen ist kein Kn»»!'««.
Auf diese Weise können auch wir siegen — beim heiligen Pyrrhus-
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