Kladderadatsch: Humoristisch-satirisches Wochenblatt — 57.1904

Page: 210
DOI issue: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kla1904/0210
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Zur Kirchhofsfrage

Die Frage, ob der Untergrund der Kirchhöfe durch die Zersetzung
der Leichen mit schädlichen Stoffen und Keimen inficiert wird, ist immer
noch nicht entschieden. Viele Aerzte bejahen sie mit Bestimmtheit,
während andere sie ohne jeden Rückhalt verneinen. Daraus geht doch
wohl hervor, daß die Frage falsch gestellt ist, daß bei vielen Kirchhöfen
eine nachweisbare Verseuchung des Bodens siattfindet, bei anderen da-
gegen nicht.

Hat man sich nun die Kirchhöfe der beiden Klassen einmal genauer
angesehen? Was würde man sagen, wenn die verseuchten alle pro-
testantisch, die rein befundenen alle katholisch wären? Wie glänzend
gerechtfertigt stände dann der Bischof Benzler von Metz da, der den
Kirchhof von Fameck geschlossen hat, weil er durch die Beisetzung der
Leiche eines Protestanten verseucht war!

Jedenfalls mutz diese wichtige Sache sogleich klar gestellt werden.
Der Staat hat eine Commission von hervorragenden Aerzten und
Chemikern zu bilden, die eine genaue Untersuchung und Vergleichung
der Kirchhöfe beider Confcsjioncn vorniinmt. Möge Herr vr. Studt
durch den zufälligen Umstand, datz er selbst Protestant ist, sich nicht
abhalten lassen, die Untersuchungen mit seiner ganzen amtlichen
Autorität zu fördem, wenn auch das Resultat uns vielleicht nicht zu-
sagt. Die Wahrheit mutz an den Tag kommen, mag sie uns gefallen
oder nicht!

Eanswindts Friihlingslied

Wenn jetzt kalte Stürme brausen
Und vom dunkeln Himmelszelt
Ohne nenncnswerlhe Pausen
Dichter Regen niedersällt,

Lohnt's da, sich umherzutreiben
In den unwirthlichen Höhn?

Latzt uns auf der Erde bleiben,

Auch im Zimmer ist's jetzt schön.

Blickt nicht stets mit starrer Miene,
Freunde, wie hypnotisiert
Auf die große Flugniaschine, ,

Die sich immer noch nicht rührt.

Ja, ihr werdet mit ihr fahren,

Wenn's euch so unbändig freut,

Einst nach Wochen, Monden, Jahren,
Aber nur nicht heut, nicht heut!

Frei bald von den letzten Mängeln
Schwebt sie stolz umher im Blaun,

Doch nicht drängeln, nur nicht drängeln,
Schenkt mir weiter eur Vertraun!

Schön ist's unten hier auf Erden,
Sprecht darum beim goldnen Wein:
„Mögen niemals alle werden,

Die Vertraun und Geld ihm weihn!"

Da viele Menschen noch immer nicht wissen, was eigentlich von
dem Jesuiten zu halten ist, so sei hiermit darauf aufmerksam gemacht,
wie der alte Lord Chesterfield, der in seinen berühmten Briefen
wiederholt auf sie zu sprechen kommt, über sie urtheilt.

Sieht er sie vom religiösen Standpunkte aus an, so kann er nicht
anders, er mutz sie ihrer laren Moral wegen für gottlose Menschen
erklären. Betrachtet er sie mit dem Auge des Weltmannes und des
Diplomaten, so geräth er autzer sich vor Bewunderung ihrer Ver-
schlagenheit, die ihnen überall zur Macht verhilst.

Dies Urtheil, scheint uns, kann auch jetzt noch für ein solches gelten,
durch das den Jüngern Loyolas weder, was ihre schwachen Seiten
betrifft, ein Unrecht zugefügt noch auch andererseits ihren Verdiensten
zu wenig Lob gespendet wird.

Der alte General Dragomirow empfiehlt im „Raswcdschik" den
russischen Soldaten in Oftasien, sich zum Schutze vor Ungeziefer mit
Theer einzuschmieren.

Eine Combination von Thron und Theer wäre vielleicht noch
vortheilhafter. Der russische Soldat hat, wenn er im Thron war,
immer Ausgezeichnetes geleistet; außen betheert und innen bethrant
wäre er einfach unbesiegbar.

Neue Dunkelmännerbriefe

I. Pater Filucius in Köln an den Frater Sculcius in Sonn.
Lieber Confrater!

Mit Freude höre ich, datz einige unserer Centrunisleute in Bonn
eingetroffen sind, um mit dem Cardinal-Staatssekretär die Erundzüge
der künftigen deutschen innern Politik festzustellen und die neue Flotten-
vorlage zu berathen. Liest man so etwas in römischen Blättern, s»
fühlt man sich als Deutscher und segnet den guten Kanzler, der erkannt
hat, wie wenig er selber allein vermag, und wie sehr seine ganze Politik
auf das Centruin und den heiligen Vater angewiesen ist. Freilich fehlt
uns noch viel in Deutschland, Orden, Jesuiten, confessioneller Schul-
zwang, aber Merry de Val wird schon das Nöthige thun, und uns
keinen Nuntius in Berlin auf den Nacken setzen. Es genügt voll-
kommen, datz von Zeit zu Zeit ein Mitglied des Centrums in Bonn
-unsere Geschäfte führt, ohne datz dabei ein Kuhhandelcommissionär
Procenle einzustreichen braucht. Ja, es will Frühling werden: Beicht,
kinder brachten nrir Waldmeister, das liebliche Kräutlein, - das ich bei
einer frommen Libation zu verwenden gedenke. Vale!

II. Frater Sculcius in Bonn an Pater Filucius in Köln
Theurer Confrater!

Habt keine Sorge vor dem Nuntius: Was sollte er in Berlin,
wo Bülow Eure Sache so meisterlich führt! Bereitet er Euch etwa
Aerger? Bewahre! Den machen Euch die kleinen Bundesstaaten. Seht
Euch Bayern, seht Euch Sachsen und Coburg-Gotha an! So ein
bayerischer Kriegsminister ist ja noch nicht dagewcsen. Seid nur vor-
sichtig in der Jesuitenftage. Augenblicklich scheint bei Euch alles aus
dem Häuschen zu fein. Daruni Vorsicht, Lutzerste Vorsicht! Was Ihr
noch haben wollt, bekommint. Ihr sicherlich. Rückt nur sachte von den
Polen ab; sie compronnttieren Euch, und wenn der Staatsanwalt gegen
Korfantys Genossen wegen Meineids vorgeht, wird alle Welt fragen,
warum Kopp die Klage zurückgezogen hat. Ich verstehe die Geschichte
hier ebenso wenig wie Bachem mit seiner „Kölnischen Volkszeitung",
und der ist doch wohl der klügste Politiker Deutschlands. Auf Wieder-
sehen dein: nächsten Katholikentage.

In Berlin ist neuerdings der Jesuitengeneral in verschieden--
Localen gesehen worden. Wie es heißt, sucht er eine Wohnung,
natürlich eine solche nach hinten hinaus, da die Ordensregel, der er
sich selbst unterwirft, nur die Benutzung von Hintertreppen gestattet.

Alles fei so, wie es will, iver aber das Wort „erstklassig" aus-
gebracht hat, der verdient — na, was er verdient, braucht wohl nicht
erst gesagt zu worden. __

Liborius Gerstenberger spricht:

Heissa, Juchheissa! Dudeldumdei!

Beim Collectieron bin ich dabei.

Mögen die Bischöfe Kirchen bauen,

Die den Nickel so gur wie die Mark verdauen,
Die Salber, die trotz ihrer Pfründen
Den -Weg zu eurer Tasche finden.

Ich rufe: Halt, keinen Pfennig mehr,

Gebt euer Geld für die Presse her!

Für die arme katholische Press',

Abi erit victoriae spes,

Wenn ihr fleißig auf sie abonniert,

Sic colportiert, für sie existiert.

Kirchen gibt es so viel im Land,

Mehr als ich Krüge im Hofbräu fand; .

Aber es gibt so manches Haus
Ohne katholisches Blatt, o Graus!

Drum latzt den Kirchenbau bei Celle
Und sorgt, daß sich unsre Presse verbreite!
loading ...