Koch, Alexander [Editor]; Fuchs, Georg [Editor]
Grossherzog Ernst Ludwig und die Ausstellung der Künstler-Kolonie in Darmstadt von Mai bis Oktober 1901: [ein Dokument deutscher Kunst] — Darmstadt, 1901

Page: 149
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rWURF FÜR
[N KISSEN.

s gehört zu den eigentümlichen
Erscheinungen der stürmischen,
nach vorwärts gerichteten Be-
wegung auf dem Gebiete der
angewandten Künste, dass in
ihnen jugendliche Kräfte, die vor einigen
Jahren noch, anständiger und hergebrachter
Weise, die Bänke der Kunst-Schulen usw.
hätten polieren müssen, sich an grosse Auf-
gaben heranwagen, und diese frisch und
prächtig zu lösen wissen. Der Drang nach
Freiheit, der alles jetzt durchzieht, hat jene
Kühnheit wiederum geweckt, jene Kühnheit,
die dem inneren Beruf mehr vertrauen heisst,
als allen durch Fleiss und wohlbestandene
Examina dokumentierten Berufen. Die Be-
gabung, unbeeinflusst und uneingeschränkt,
findet sich, wie nach einem höheren Gesetz,
genau auf den Punkt, auf das Gebiet, dessen
Anforderungen zu bemeistern, sie geschaffen
ist. Wollte man diese Erscheinung durch
Beispiele bekräftigen, so gäb's eine lange
Reihe von Namen junger und gewichtiger
Persönlichkeiten. Patriz Huber ist einer der
bemerkenswertesten unter ihnen. Er ist am
19. März 1878 geboren, und mithin erst
23 Jahre alt! Sein Streben war anfangs,
obgleich er auf der Kunstgewerbe-Schule in
Mainz bereits in stilistischen und ornamen-

talen .Übungen sich bewährt hatte, darauf
gerichtet, Maler zu werden; in München
widmete er sich einige Zeit dem Studium der
hohen Künste, bis er, von seinen Leistungen
unbefriedigt, erst schüchtern, und dann mit
voller Entschiedenheit sich den architek-
tonischen Künsten, und besonders der Raum-
Gestaltung zuwendete. Äusserer Anlass zu
dieser, für ihn so heilbringenden Schwenkung
war der Erfolg, den ihm die Beteiligung an
einem Wettbewerbe, den die -»Zeitschrift
für Innen-Dekoration« im Mai 1898 aus-
geschrieben, brachte. Mit seinen prämiierten
Entwürfen trat er im März-Hefte der ge-
nannten Zeitschrift zuerst vor die Öffentlich-
keit. Was ihn trieb, hat ihm nicht gelogen.
Seine Begabung für dieses Gebiet künst-
lerischen Schaffens ist eine so hervorragende,
dass man die deutsche Kunst herzlich
beglückwünschen kann, dass seine Kraft ihrer
eigentlichen Bestimmung gewonnen ist, und
nicht an der Staffelei sich erfolglos verbraucht.
Was vor allem bei Huber überrascht,
ist die grosse Klarheit über seine Ziele, die
in ihm herrscht. Es ist kein launenhaftes
Umhertasten, das seine Schöpfungen zuwege
bringt; nein, mit erstaunlicher Konsequenz
entwickelt er die Gestaltung seiner Räume,
aus einem Gedanken, aus einem Punkte. Da

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