Zentral-Dombauverein <Köln> [Editor]
Kölner Domblatt: amtliche Mittheilungen des Central-Dombau-Vereins — 1861 (Nr. 191-202)

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Erirmerung an Ernst Zwirner.

WsriN große Todten ehren die Pfltcht der Edlen aller Zeiien war nnd
ist, so wird der Wo)lzearte!e mit uns einstimmen, daß unisr Domblatt eben
nur sein!: Pflicht erfüllt, wrnn eS ::och einmal den e'slen Manv tns GeLscht-
niß zurückruft ars Tchluffe des Jahres das zwet große Oxfer Lahir.raffte,
zwei unstertliche Dommeiser: wi'r merven unferen edlen König Zrtedrich
Wilhelm dsr- Bierten und scinrn liebea Werlmeister Ernst Zwirner. Da dieser
mehr war a!S Dommeister, und sein Name unbezw-.ifelt in die fernen Zahr-
hunderte getragen wird, so wsllco wir setn Lild, tn so fern wir cs vsr-
msgen, uns wieder sergegcnwariigen; dcnn der Mensch verdient eine ebcn
so hohr Achtung, aiS der Künstlrr.

Ernst Friodrich Zwtrner, geboren t802 em 28. Fcbruar zu Jaksbj-
walse in Schlefieu, Sohn einss draveu Manncs, der bei dem Fürsten Ho-
henlohe sin Hüttcnwerk leitete, wollte NnsangS drm Gsschäfte dss DaterS
folgen. Daß er, etn auSgszrtchneter Knate, dts treffkichsten Anlagsn zetgte,
ist selbstredend; denn waS eine Liche wsrden soll, zetgt fiS schon im erßen
Keime. Jm Atter ron zehn Jahren schnitzts er schsn tn Kork Maschinen,
Hammsr- u»d Trietwerke, und so erklärt fich, wie er später auch neben dem
Steiadsue so GroßeS und Dewundeiungswördigcs in setnen Gsrüsten und
dergleichen leisten konnte. Er selbst erzählie btsweilen mit Dehagen von die-
seu knabeuhaften Destrebunaeo, und seine usbedingte Wahrheitslirde bürgi
für dte Richtigkeit. Zum Jünglinge hinanreifend, bezog er daS Tpmnafium
zu Brieg und wmde in eine gelehrte Bildung eingeführt, deren bedeutendsr
Umfaug sich bri allin Gelegenhitten kund gab. Erweitern gelehrts Nnstalten
schou daS jugsndliche Altcr zu etncm Gcsammtumblicke, den kein andcrer
Rnterricht gebrn kann, so wurde hier schon die feste Ueberzeugung gewonnen,
dis Lei ihren Arbeitcn die Vergaugesheit erkennt, darum för dts Gegenwart
die Nothwendigkett selbstfiändig beurtheilt.

Wir därfen hier ein anderss Glück nicht übergehen, welcheS gewöhnlich
große Kexfs zum LebenSgange kräftigt, glstchsam einweiht. Zum Baufache
enischisffen, war cr stckt in der Lags, ans vorhandenen Mitteln die weiteren
Studisn bestreiten zu können, er «ußte fie fich durch eigene Kraft uud Ar-
beiien erkämxfen, und es gelang dsr Nnfirengung vcllkommen. So lernte der
junge Mann frühe den Ernst des Libens kennen, der Sclbststsndigkstt vsr-
letht, Bertrauen z« fich ftlbst gibt, vor dcm Unmaße behätet, den geistlgen
Menschen reintgt und fiählt und an würdigen ZUlen festhält. So auf fich
selber fußend, wanderte er nach Brcslau, wo er mit Borfig dis Bauschule
besuchte, und sein Feldmesser-Eramen mit Naszetchnuiig bestand, dann nach
Berlin. Hter besuchte er dte Hochschule, wurde Schüler dsr Bau-Akademie
und erweiterte setne Kenntniffe nach allen Seiten hin, sowoh! für allcS
Praküschs als Theorettsche.

D!e sogenannts gothische Baukunst war aber damals in Europa ver-
ruftn, ja, etn Schimpfnamr. Zwar hattcn Göihe, crst in diestm Jahrhunderie
durch Sulxiz BoifferSe bekehrt, der Retstnde Forstsr, Herder, Friedrich von
Schlegel, bis 1806 Profcffor iu Köln, und Nndere fremidlichere Anfichten;
allein ihre Stimmen drangen nichi durch, dte clasfische Nachahmung stach zu
tief in dsn Köpfcn, und dft vaterländische Gslhik galt noch tmmer gleich
mit Barbarei Wir d-uten bloß an, wie die Defreiung Deutschlands im Jahre
1814 einen anderen Geist hervsrrtef, wie ein kleiner DomkretS fich btldete,
dem dsr eßrenwsrthe Mitbürger Everhard von Ersote, General vo« Pfnel
angehsrten u. st w., wie die Gebrüder Boifferße, damalS außerhslb ihrer Vs-
terfiadt, mit Görres, Mar von Schenkendorf u. s. w. d-nselben Geist der
Auftrffehüng predtgten, wie an der Spitze der bsfferen Bestrsbungen der da-
maligs Kronprinz," unser gcliebter König Frie'orich WÜHelm IV. stand, son
welchem der Dichter schon weissagen konnte:

Harret nur noch wenig Stunde»,

Wachet, betet und vertrsut;

Denn der Jüngling tst gesundsn,

Der de» Tsmpel weiter baut.

Diess gcistige Erhebung trug auch thren Gährstoff i'u die Wiffenschaft,
namentlich die Banwiffenschaft, und der Name Schrnkel braucht nur ge-
nanut zu werdcn, um zu Legrei'fen, wie so MancheS anders wsrden mußtr.
Berlrn war dsmals der geistige Heerd lsr alle Funken, die später zünden
sollten, und nicht bloß in Deutschland. Jst es ein Glück für die Känstler,
wcnn ihrs Zeit mit günsttg einwirkt, namentlich edle Herrscher, z. B. ein
Pifistratus, der Anreger und Begründsr der geistigcn Tröße Aihsns und
seiner Kunst, an die Spitze edlcr Bestrebungen tritt, so war eS auch für un-
seren Zwirner eine günstige FügunZ, in einer grsßen Zeit unter großeu
Meistern seine jugendliche Krast entwtckeln zu können. Nach dem Maße setner
Anlagen, dis bei den großen Aöpfev anch immer dic größtcn Auforderungen
au fich selber stellen, trieb er fttue Studftn in jenem großen Maßstabe, der
uicht das liebe Brod allti.r, neiü, das Höchste, die Wiffenschaft sslbst, im
Auge hst. Echte Größs und TLchügksit kennt kstne» Neid, das heißt: Selbst-
gefühl eigener Schwäche. Es konnte daier aicht fehlen, daß großstehende
Mär.ner/wie Schivkel, Beuth und ihres Gletchen, bald im jungen Zwirner
die retche Begaöung herausfandcn und ihu threr usheren Aufmerksamkeit
wördigteu. Lllerdings haite unsci Dommctstcr fich eifttg suf die Gothlk ver-
kegt, dis ihre strengen Gesetzs wie den Bsum auS der Wurzel aufwachses
und fich zur Höhe wipfeln läßt; allein er war der Meinuug, daß es auch
vor der Gothik odcr drm dreizehnteu Jahrhundert eine christliche Baukunst
und GotteSverehrung gegebeu, nach der Gothtk noch geben werde, und so
trieb thn folgerechieS Denken und Losgebundenheit von parteilicher Vorlicbe
för daS Eins oder Anders nothwendig dazu, auch vor- und nachgsthische
Zeiten zu durchsorschen und fich jn ihneu zu sersuchen, natürlich AnfangS in
Plänen und Zkichnusgen.

Es wäre för Fachmänner höchst helehrend, wenn eS hier am Orte wäre,
aus Zwiruer's eigenen Aufzeichnungen dte vielen Werke anzuführen, die er
in Zsichnungen oder in der Wirklichkeit aussührtr. Darunter stehen als
Zeugniffs ftinsS umfaffendsn GsisteS: Pfarrhäuser, Thierarzneischule zu Ber-
li», Hochschule zu Hslle, Leuchtthurm von Arcona auf Rügen, Kirches, Bröcken
». s. w. Auch e'ine^ Schrist öbsr dis Römerstraßen verdient Erwähnung, und
seius Rede überdcutscheBaukunst zeigt (die Dombauberichtezu verschweigsn),
wie er bei ftiner hshcn Bildungssiufs auch auf etnem sndercn Felde hätte
glänzen können, hätte ein Bsumeistcr nicht Befferes z« thu».

Das erße bedeutende Werk, mit welchem Zwirner in die Oeffentlichkeit
trst, wsr die Heistellung de« Rathhauses im hkldeAWÜthtgen Kslberg, ds« -

!n Leutscher Bauwetse erbaut, glöcklich erneuert wurde. Bei der Grundstein-
legusg wurde die ebenerwähnts schöneRede gehaltcn, in welcher der Meister
es noch bedauern konnte, daß dte edelste Bauweiss so wentg geübt werde.^)

Nm 30. Ociober 1830 wurde Zwirncr Landbaumeißer. Zerdoppslt wur-
den Studtcn und Forschungen, denn es befeuerte ern hsher Prets, da sr die
Ltebe anf stinem Wegs gsfunden. Lm 31. Mai 1833 war Hochzsii, und auf
dsr Hochziitsreise sm 1. Juni trsf dis Berufung zum Dombau-Jnspector
ein, er ftlbst erschien iu Köln am Vortags Mariä-Himmelfahrt (14. August),
der in des MeisterS Leben eine bedeutsame Rolle sxielt.

Ntemand dachts damals nvch an die Mögltchkctt, gsfchweigs wirkliche
Vollendung unseres DomeS, höchstens wollte man den zsrbröck.lnden Sions-
fetscn vor dem gänzlichen Zusanlmenfall-n retten. Wenn von dem Weiterbau
die Rede war, wurden so fabrlhafte Summen ftlbst von Kundigcn genannt,
daß dic Fretgebigkeit Friedrich Wilhelm's III. abgeschreckt ward und auf die
uöthigen Summen zur Zihaliung dcs Vorhandenen fich beschränkte. Ahlert
leitets scii 1824 dieftn Herstcllungsbau. Frjede mit thm! denu ntcht jede
Kraft ist dem Höchsten gewachsen. Mit dcm Auftrcten Zwirnsr's wurde nua
plötzlich AlleS anders. Zuerst mußte eioe wahrhafts Kunsthütte geschaffen
werden uach dcs Zirkels Maß und Gsrechtigkeit, eine Kuastschuls, nicht in
Wortcn. nein, !n Werken. Es gelang in kurzer Zeit, und die kölner Hütte
wurde !n weitcn Landen gsrühmt, ja, wir sag.n ohne Rückhalt: aus ihr zo-
geu die Senddoten in dte verschisLenste» Gegenden, wie voreinst zur Zett
Lonrad Kupn's und setuer Söhne. England, das dsch etnen Wslbp Pugtn
hatte, bewarb fich gletch Hambnrg um köluer Steinmctzen, auS der kölnischen
Hütte gingeu hervsr: der berühmte Schmtdt, jetzt in Wien, Vincenz Statz
und Andcrs, deren Ramcn übcrall gnten Klang habcn. Wenn endlich Rhein-
land das strcdendc Handwerk wiedcr zur Kunst zuröckkehren fieht, so ist die
köluer, d. h. Zwtrner's Hütte, dre Mutter aller dteser Erscheinungen. Vielen
msg eü ein Leichtes erfcheinen, eine solche Hütte zu gründ?»; sber der Kenner
wrrd zageben, daß dft schwicrige Aufgabe nuc von geisttger Usberlegenhert,
großer Ledensklugheit und unsrschüttcrlicher Festigkett üderwunden werden
konnte.

Dre Herstellung des Borhandenen war fast volftndet und der Baumetster
schten fortan überfiüsfig. Ader dteser hatte ftit denr Begisne seinsr Arbeit das
feste Bertrauen, daß setn Schicksal sn den Dom gsbunden fti, dieftr als
ftine Lsdensaufgabe weiter gefördcrt, ja vollendst werden müsse und werdeu
könne, was auch Nndere voa Unmöglrch'eiten einwsrfen möchten. Er hatte
darum schon vsrher seine Ausarbeitungen und Kostsnanschläge gemacht, die
auch späterhiu als wahrheitsgetreu fich bewährftn; genug, der edle und kunst-
stnnige Köntg Friedrtch Wilhelm IV. ging auf des Meisters Plane ein, der
Neubau wurds beschlossen, und am Z. Mai 1842 bslohnte den edlen Aämpen
die Huls unftres lisben Herrn mit der Erneunung zum Regiermrgsbaurathe.

Welch ein Festtag tn demftlbsn Jahrs Lie Grundsteinlegung dcs Süd-
portales für dkli^königitchen Nsubauherrn, dis Stadt und den Msiffer war,
ist noch in dsr Erwachftnen Angedcnken. Tenug, der Metster hielt Wort.
WaS er ausführte, steht m seinsn jährlichen Bauderichien, und fast vollendet
stsht nun der Wundsrbau da vor Aller Nugen, um künftigen Jahrhunderten
Zrugnrß zu geben von der gewaltigen Mcifierschaft des ManneS, der fich
ntcht nur A2es neu schaffen, sondern auch Bahn breHen mußte. Zwar hst
es, wie dis Rsibungen des kleinen Lebens eS mit fich bringen, auch an Ari-
ttkern nicht gefehlt, indeß der fich dewußte Meister ging rurbeftrt seinen
Weg. Nicht aber glsube man, als hade der Besonnene, wohl fich bewußt,
daß er fich Ehrs oder Schande suf ksuftige Jahrhunderte erbaue, der etgsen
Kraft oertranend, fremdsn Rath verfchmLht. Jm Gegenthcil suchtc er ihn
auf, aber bei den Kundigen in England, Deutschland'u. s w,, bereis'te 1844
Franrretch ftlbß um seiner herclichsu Münstsc willsn; ader wohlüderlegte
PlLne abzuändsrn, war ebeu nicht seine Sache, weil sr eirr Mann war, und
zwsr ein ganzer. Nur einmal während einer jahrelangen Bekanntschaft sah
Schrotbsr disses deu ehrenhasten Dommeister in unstäter Besorgniß, aber eben
auS Liebe zu diesem Dome und zum Batsrlande. Cs war im Jahre des
Bölksrrausches 1848; aber wenn ein Riebuhr an dsr Ahnung solcher Zustände
sterben konnte, die Edelsten verzagten, wer wtrd dem Berständigen dft Be-
sorgniß verargen? Der Sturm braus'te vorüber, der Meißer nahm sein Werk
wisder auf, bis ihn der Himmel zn einer anderen Hüite abrief.

Daß einem Manne, der in europaischer Oeffsntlichkett fo anSgezsichnet
da stand und mit den geistigen Größen vieler Länder in VerL'ndung war,
auch dis gswöhnlichcn öffenilichsn Anerkennungen nicht fthlien, versteht fich
von selbst. Zm Jahre 184s (17. August) erhielt er den Rothen Adler-Orden
vrerter Classe, 1848 deu dritter Claffe mit der Schleife, 1850, beim persön-
lichen Besuche des kunstfreudigen Königs Mai von Baperu, das Ritterkreuz
des Michael-Ordens, 1851 den pspstlichcn Pius-Orden, 1852 den Verdienst-
Ordsn der bapsrtschcn Kroue, 1857 den niederläudischen Löwen und vom
Herzoge von Meckftnburg die Schlsßmedaille. Vezeicknend ist fär ihn, daß
er bet der für ihn so ehrenvollen Ausstellung zu Paris jeder personli-
chen Auszeichnung auSwich (HSHer ßand ihm die ftiner Hütte); aber dsr
ebeu so kluge als geistreiche Achills Foulb wußte durch frsundltche Ueber-
seudung dsS 4i-cdivs äs ta Oommissikin äes Llcmumsuts Ilistoc. den Aus-
weg zu fisden und den Batsrlandtfreun's zu erfreuen.

Den Standpunct zur Kunst- und Telehrtenwelt drutsn wir auch nur
wit einigen Zügen an, wobei natürlich übsrgangen wird, wa§ der Vaterstadt
angehsrt. Mit viele» Spitzen der Kunst und des Wiffens in Luropa ßand
er in freundschaf-lichem und brieflichem Verkehre und gab und nahm Rath.
Jch nenne ßier nur Scott und den Mithersteller der gothischen Kunst, unftren
Sulpiz Boiffsrßs, Hamburg, das bei seincm Neubau den Meister vorab hören
wollte, dte technische Baudeputstiou in Bsrlin. Nuch war er Mitglied des
Gelehrtcu-AusschuffeS deS germanilchen MuseumS in Nürnberg und Ehrcn-
Mitglied deS Bsreins zur Ausbildung der Gswerke i» München, Lhren-
Mitglied des Bsreins för Alterihumskunde in Ukm mid Oberschwaben, uub
des Jnstituts der Architckten son Großbritannten tn Lorrdori, die durch Anf-
nahme in ihre Mitgliedschaft den Meistsr und fich sslber ehrten.

Wenden wir uns nun zu dem, was Zwirner als Mensch war, so finden wir
auch bier wieder den Sotz destätigt, daß nur ein edler Meusch ei» sdler Künst-
ler tst; begreiflich, denn echts Kuust ist Tefinnuug m,d weiht, uuechte ent-

*) DaS Kolberger Wochenblatt vom 22. August 1829 kann den Wtßbe-
gterigen nähere Aufschlüsse geben.
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