Koldewey, Robert
Die antiken Baureste der Insel Lesbos — Berlin, 1890

Page: 90
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9o LETZTE NACHRICHTEN AUS LESBOS. ZUR VEGETATIONS-KARTE.

LETZTE NACHRICHTEN AUS LESBOS.

Die von den Zeitungen gemeldete Zerstörung mehrerer Ortschaften der Insel durch ein Erdbeben in der Nacht
des 28 29. November 1889 veranlafste zu einer Anfrage über den Umfang der Erschütterung und die davon betroffenen
Statten. Der durch C. Humann's Güte uns zugegangene Courrier de Sniyrne vom 2. Nov. stiebt darüber einen Bericht,
den wir hesser im Zusammenhang, als auf die einzelnen von unsern Itineraren berührten Orte vertheilt folgen lassen:

Der Hauptstofs erfolgte früh um 1'/.,'* und dauerte 40 Secunden, 34 leichtere Erschütterungen folgten, alle in der
Richtung von W. nach O.;

Chydera mit i<So christlichen, 70 türkischen Häusern gänzlich zerstört, 25 Todte,

Eresös 560 christliche, IOO türkische Häuser; 50 Häuser, 3 Kirchen, 3 Schulen ganz, 250 Häuser zum Tlieil

zerstört, nur 10 ganz unbeschädigt. Alle einzelne Gebäude in der Strandebene völlig zerstört,
A'gra 250 christliche, 80 türkische Häuser, 60 Häuser zerstört,
Mesotopos 400 Häuser, davon 40 völlig, 300 theilweise zerstört,

Sigrion die türkische Festung zerstört, die 50 Häuser der Vorstadt haben weniger gelitten,
Stypsis 500 1 läuser, davon 60 zerstört.
Fast alle diese Orte liegen im nordwestlichen Theile, nur Stypsi getrennt im Norden der Insel und waren sämmt-
lich von dem ähnlich verheerenden Erdbeben von 1867 unberührt geblieben.

Eine andere Nachricht besagt, das sich die Erschütterung auch weiter östlich in der Inselgruppe Moschonisia
fühlbar gemacht habe, dafs auch in l'lomari an der Südküste 2 Häuser und auf dem nördlich gegenüberliegenden Fest-
lande die alte türkische Festung Raba-Kalcssi (auf dem bekannten Vorgebirge Lekton) gänzlich eingestürzt sei.

Dafs die Erschütterung sich noch weiter nördlich fortsetzte, erfuhr unser Koldcwey persönlich, da er sich da-
mals im Hause des amerikanischen Consuls Calvert in der Dardanellenstadt aufhielt; doch beschränkte sich der Schaden
hier, so wie in dem auf der europäischen Seite gegenüberliegenden Kilid-Bachr auf je zwei eingestürzte Häuser; wie weit
das Erdbeben in der Gegend zwischen dem Hellespont und der troischen Südküste und weiter östlich landeinwärts fühlbar
gewesen ist, darüber fehlen zur Zeit noch alle Nachrichten.

ZUR KARTE DER VERTHEILUNG DER VEGETATIONSVERHÄLTNISSE

UND DES BODENANBAUS, TAFEL 3i.

Die Idee der Nützlichkeit einer übersichtlichen Veranschaulichung' der Gebiete der wichtigsten Culturformen,
welche wegen ihrer Abhängigkeit von so unveränderlichen Factorcn wie Beschaffenheit des Bodens und örtliche Lage
auch für die Zeiten des Altcrthums eine gleiche Geltung beanspruchen dürfen, kam mir erst während meines zweiten Be-
suches der Insel 1886, also zu spät für eine planmäfsige Sammlung alles auf Koldewey's und meinen früheren Routen wohl
erreichbar gewesenen Materials. Doch zeigten sich bei dem zuerst von Hrn. Koldcwey (dessen Name daher mit Recht
im Titel der Karte voransteht) gemachten Versuche der graphischen Ausführung die vorhandenen, stellenweise durch An-
gaben anderer Reisender und Einheimischer vermehrten Notizen reichhaltig genug zur Herstellung eines im ganzen natur-
getreuen Gesammtbildes, welches durch ein streng kritisches Aussparen der wenigen weder im einzelnen durchsuchten,
noch von Höhepunkten aus überschaubaren Striche an Anschaulichkeit nur verloren haben würde. Auch in dieser unvoll-
kommenen Gestalt wird unser erster Versuch immer den Nutzen stiften können, künftige Besucher der Insel zu berich-
tigenden Beobachtungen anzuregen und dadurch mit der Zeit das Material zu einer vollkommeneren Darstellung derselben
Art zu gewinnen.

Solchen Nachfolgern möchten wir namentlich anempfehlen, ihre Aufmerksamkeit auf ein paar räumlich wenig ausge-
dehnte aber doch zum gesammten Vegetationsbilde der Insel gehörige Gewächse zu richten: das stellenweise weit verbreitete
Wuchern der kleinen stachligen Eichenart (Ilcx), welches nicht, wie in unserer Skizze mehrfach geschehen, mit der hoch-
wachsenden nutzbaren, daher angepflanzten Knopperciche (Valonie, Quercus Aegilops] zusammenzufassen wäre, ferner die
von uns nicht in einem der Wirklichkeit entsprechenden Umfange angegebenen Anpflanzungen von Fruchtbäumen, nament-
lich Feigen und Kastanien.

DRUCK VON GEORG REIMER IN BEREIN.
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